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Das braucht das kranke Kind

Montag, den 25. Mai 2009 um 13:48 Uhr

Viele von uns Eltern haben ganz intensive Erinnerungen an die Zeiten, in denen wir als Kind krank waren. An die Tage, in denen die Zeit stillstand und wir irgendwie bloßlagen. In denen ein dicker Vorhang vorgezogen schien vor der Welt, die ganz in der Ferne weiterlief, wie in Watte gepackt.

Jetzt ist Ihr Kind dran. Sie merken, dass es mehr an Ihnen hÀngt, weinerlich wird, zu unmöglichen Zeiten ins Bett will. Bald schon lÀuft die Nase oder andere Krankheitszeichen treten auf, wie etwa Durchfall oder Fieber.

Umschalten

Haben Sie die medizinischen Dinge abgeklĂ€rt, so richten Sie sich auf die Pflege des kleinen Patienten ein. Das kann fĂŒr Sie ganz schön stressig sein, schließlich haben Sie die Krankenpflege wohl kaum ein­ge­plant! Besonders wenn beide Eltern berufs­tĂ€tig oder Sie allein erziehend sind, kann das Familienleben mit Wucht aus der Bahn fliegen.

Aber es hilft nichts: Schalten Sie innerlich einen Gang zurĂŒck, geben Sie der Krankheit Ihres Kindes Raum, so gut es geht. Der Alltag lĂ€sst sich vielleicht nicht unterbrechen, aber bestimmt ein StĂŒck weit verĂ€ndern. Vielleicht helfen Ihnen ja die Nachbarn oder Verwandten dabei? Und auch die (Ă€lteren) Geschwister können eine aktive Rolle in der Versorgung der Familie oder des kranken Geschwisterkindes ĂŒbernehmen (und dabei vielleicht erfahren, wie gut es tut, bei dem gemeinsamen »Projekt Familie« mit anzupacken).

RĂŒckzug

Kranke Kinder brauchen Kraft. Sie schalten alle »ĂŒberflĂŒssigen« Körperfunktionen fĂŒr eine Weile auf Sparflamme und konzentrieren ihre Energie auf das fĂŒr die Abwehr Erforderliche. Das Immunsystem macht Überstunden, die Betriebstemperatur wird hochgefahren – das Kind ist mĂŒde und fiebert.

Kinder richten ihre Energie jetzt aber auch nach innen, sie haben lebendigere TrĂ€ume und hĂ€ngen ihren Gedanken nach. Sie sind irgendwie verletz­licher, beeindruckbarer, oft auch schreckhafter und Ă€ngstlicher. Man merkt ihnen an: Die Krankheit beschĂ€ftigt sie – innerlich und Ă€ußerlich.

Das kranke Kind braucht jetzt den Raum, um sich zurĂŒckziehen zu können und dabei trotzdem behĂŒtet zu sein. Ein krankes Kind muss keineswegs immer beschĂ€ftigt oder »bespielt« werden. Was es vor allem braucht, ist Ruhe und eine ausgeglichene Umgebung. Schlagen Sie das Krankenlager ruhig in Ihrer NĂ€he auf, etwa auf der Wohnzimmercouch – die meisten Kinder wollen jetzt auf TuchfĂŒhlung bleiben.

Emotionaler Austausch

Durch die Krankheit rĂŒckt Ihnen Ihr Kind nicht nur ein StĂŒck nĂ€her, es macht zunĂ€chst vielleicht sogar einen RĂŒckschritt in seiner Entwicklung durch (sog. Regression). Kleinkinder, die vorher trocken waren, brauchen wieder ihre Windeln, und fast schon von der Brust entwöhnte Kinder zieht es wieder mit Macht an den mĂŒtterlichen Busen. Wenn die Krankheit abklingt, sehen Sie manchmal das Spiegelbild davon: Das Kind wirkt reifer, innerlich aufgekratzt, aber auch oft weicher, aufnahmefĂ€higer – eben ein StĂŒckchen erwachsener. Gerade die Tage der Rekonvaleszenz, wĂ€hrend der die LebenskrĂ€fte wieder langsam in das Kind zurĂŒckkriechen, ermöglichen oft einen ganz intensiven emotionalen Austausch und fördern die tiefere Verankerung des Kindes in der Familie.

Krankheit schafft besondere BedĂŒrfnisse

Das kranke Kind braucht das, was es sonst auch braucht, nur in konzentrierterer Form, also: Zuwendung, VerstÀndnis, Liebe.

  • Trösten Sie Ihr Kind, ohne es zu bemitleiden – MitgefĂŒhl unterstĂŒtzt, Mitleiden lĂ€hmt.
  • Lassen Sie RĂŒckschritte und Regression ruhig zu. Auch wenn das hĂ€ufigere Stillen des Babys nicht unbedingt zum »Pro­gramm« gehört – Ihrem SĂ€ugling hilft es ĂŒber die schwersten Tage.
  • Fördern Sie krankengemĂ€ĂŸe BeschĂ€f­ti­gun­gen. Das kranke Kind ist innerlich gestresst, hat kurze Aufmerk­sam­keits­spannen und ist verletzlicher als sonst – Fernsehen ist fĂŒr das kranke Kind nicht das richtige Medium. Besser sind »langsamere« BeschĂ€ftigungen wie Malen oder Fan­tasiespiele (etwa »Das Bett ist ein Schiff und wir fahren darin zusammen um die Welt«). In der Erholungs­phase ist das gemeinsame Kuchenbacken oft genau richtig.
  • Ein bisschen Verwöhnen schadet nicht.
  • Ermöglichen Sie NĂ€he, indem Sie Ihrem Patienten etwa BĂŒcher vorlesen, Geschichten erzĂ€hlen, gemeinsam singen, zusammen einfache Sachen basteln oder einfach nur da sind und immer wieder nach dem Kind schauen.
  • GewĂ€hrleisten Sie ausreichenden Schlaf. Es ist völlig normal, wenn ein ZweijĂ€hriger statt einer Stunde wĂ€hrend einer Er­kran­kung auf einmal drei oder sogar vier Stunden Mit­tag­schlaf macht – und dann haben Sie auch ein paar Stunden, um selbst wieder aufzutanken.
Aktualisiert ( Montag, den 25. Mai 2009 um 14:31 Uhr )

© Herbert Renz-Polster et. al.: Gesundheit fĂŒr Kinder, 2. Auflage 2006, Kösel Verlag MĂŒnchen