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Verstopfung

Geschrieben von: Dr. med. Herbert Renz-Polster, Dr. med. Nicole Menche, Dr. med. Arne Sch채ffler
Dienstag, den 11. August 2009 um 09:04 Uhr

Der Stuhlgang ist individuell: F체r manche Kinder ist eher harter Stuhl normal, bei anderen ist er eher weich. Manche voll gestillten S채uglinge haben 10-mal am Tag Stuhlgang, andere einmal in zehn Tagen, und beides ist normal – solange sich das Kind dabei wohl f체hlt und ihm keine Probleme daraus ent­stehen.

Zudem 채ndern sich gerade beim S채ugling sowohl Art als auch H채ufigkeit und Farbe der St체hle oft. Entsprechend schwierig ist es, Verstopfung zu definieren.
Dazu kommt, dass kaum etwas kritischer betrachtet wird als der Stuhlgang. Um den Windelinhalt rankt sich damit eine betr채chtliche Mythologie. Da werden kleine Karottenst체ckchen gesehen, und schon macht das Wort »Verdauungsst철rung« die Runde. Auch »Allergien« werden von den Eltern oft schnell diagnostiziert, etwa wenn sich der Stuhl nach einem neuen Gl채schen einmal etwas breiiger in die Windel schiebt.

Echte Verstopfung erkennen

Was ist »echte« Verstopfung? Echt verstopft ist ein Kind mit einem harten Stuhl, der ihm offensichtlich Probleme bereitet: Bauchweh, Appetitlosigkeit, Einrisse der Analschleimhaut (Analfissuren) und Schmerzen beim »Gesch채ft«. Nicht jeder »Selten-Geher« hat solche Probleme, generell liegt aber umso eher eine »echte Verstopfung« vor, je l채nger ein Kind keinen Stuhlgang hat.

Denn harter Stuhl kann der Ausgangspunkt eines Teufelskreises sein: Je l채nger er »sitzt«, desto h채rter wird er und desto eher f체hrt er dann zu Einrissen der Analschleimhaut, wenn er schlie횩lich »kommt«. Die Einrisse wiederum sind schmerzhaft, so dass das Kind als Folge den Stuhl wieder lange zur체ckh채lt– dadurch wird er wieder hart, ist schwerer herauszudr체cken und so weiter.

Die Folge: Stuhlschmieren

Lange anhaltende (chronische) Verstopfung f체hrt nicht nur zu immer wiederkehrendem Bauchweh und zu Appetitlosigkeit, sondern fr체her oder sp채ter auch zum Stuhlschmieren. Hinter dem verstopfen­den Stuhlpfropf n채mlich verg채rt der Stuhl, wird fl체ssig und schiebt sich an dem harten Stuhl vorbei – in die Hose. Oft wird dieser paradoxe Durchfall von den Kindern nicht einmal bemerkt – die durch die festsitzenden Stuhlmassen weit aufgedehnte Darmwand hat ihre Empfindlichkeit verloren.

Nach den Ursachen suchen

Verstopfung ist keine Bagatelle, und immer mu횩 der Ursache auf den Grund gegan­gen werden. Verstopfung einfach als Ausdruck psy­chischer Konflikte abzutun, ist dem Kind gegen체ber unfair und zudem in aller Regel medizinisch falsch (siehe auch Einkoten).

Bessert sich eine Verstopfung nicht durch einfache Ma횩nahmen oder f체hrt sie gar zum Stuhlschmieren, so ist in der Regel eine 횥berweisung an einen p채diatrischen Gas­tro­enterologen (einen Spezialisten f체r kindliche Magen-Darm-Erkrankungen) erforderlich. Er kann mit speziellen Instrumenten messen, ob der Schlie횩muskel und die Muskulatur des Mastdarms richtig funktionieren. M철glicherweise wird er auch eine Gewebeprobe der Darmwand entnehmen, um eine angeborene St철rung wie etwa einen Mor­bus Hirsch­sprung (eine der Ursachen von hartn채ckiger Verstopfung) auszuschlie횩en. Finden sich hierbei keine Auff채lligkeiten, so handelt es sich meist um eine »Ge­wohnheitsverstopfung«.

Hartn채ckigkeit f체hrt zum Erfolg

So hartn채ckig Verstopfung ist, so hartn채ckig muss sie behandelt werden. Leichtere Formen lassen sich durch Stuhlregulierung, d. h. durch »Aufweichung« des zu harten Stuhls, behandeln. Bew채hrt haben sich:

  • Viel trinken und m철glichst faserreiche Nahrung essen: Obst, Gem체se und Salate sowie Vollkorn oder Haferflocken bringen den Darm auf Trab. Faserstoffe k철nnen auch der Nahrung zugesetzt werden (ab zwei Jahren), am besten als ungeschroteter Leinsamen: Bis zu sechs Teel철ffel t채glich. Ab sechs Jahren kommt auch Weizenkleie in Frage.
  • Auch f체r Babys geeignet ist Milchzucker– er h채lt Wasser im Stuhl und macht ihn dadurch fl체ssiger: Dem Milchfl채schchen oder Tee z. B. einen Teel철ffel zuf체gen, bei Erfolglosigkeit auf zwei Teel철ffel steigern. Milchzucker wirkt nicht bei jedem Kind, zuverl채ssiger hilft der k체nstliche Milchzucker-Abk철mmling Laktulose, da dieser gar nicht verdaut wird und somit komplett im Darm wirkt.
  • Auch Trockenobst »zieht« Wasser in den Darm. Es wird von Kindern oft gerne gegessen und ist ab zwei Jahren geeignet. In Frage kommen Feigen, Rosinen und vor allem Pflaumen: 2–3 getrocknete Pflaumen (Backpflaumen) 체ber Nacht einweichen, vor dem Fr체hst체ck langsam kauend essen. Bei Verstopfung wirken ge­kochte oder gebratene 횆pfel ebenfalls abf체hrend.
  • Als Alternative, auch bei S채uglingen, eignen sich Pflaumen- oder Birnensaft (etwa ein Essl철ffel pro Lebensjahr).
  • Rohes Sauerkraut und Oliven철l wirken ebenso stuhlregulierend, am besten mit der Nahrung gemischt, etwa als Salat.

Schwere Formen brauchen mehr

Bei chronischen Formen der Verstopfung, insbe­sondere wenn sich bereits Stuhlschmie­ren eingestellt hat, reicht allerdings die Stuhl­regulierung allein nicht mehr aus: Der Mastdarm kann sich nur dann zusammenziehen (und durch diese Straffung dann auch wieder kr채ftigen), wenn die festsitzenden Stuhlmassen nachhaltig entfernt werden: Das wird durch abf체hrende Medikamente (so genannte Laxantien) eingeleitet. Das Kind muss dazu z. B. Magnesiumzitrat trinken oder Bisacodyl als Tablette oder Tropfen einnehmen. Gleichzeitig wird der Darm »von unten« durch die Gabe eines (oder mehrerer) abf체hrender Klistiere zur Entleerung angeregt. Klappt die Prozedur, so entleert das Kind jetzt erhebliche Mengen Stuhls (wenn nicht, so m체ssen die Stuhlmassen im Krankenhaus »von oben« ausgesp체lt werden).

T채glich dranbleiben

Und dann folgt der schwerere Part: den Stuhl so weich halten, dass er sich nicht wieder an der gewohnten Stelle fest­set­zen kann. Und hierzu muss das Kind mehrmals t채glich stuhlregulierende Me­di­ka­mente (»Stuhl-Weichmacher«) einnehmen, wie etwa Magnesium­hydroxid, Laktulose oder auch Paraffin철l.

Der Trick dabei ist, dass diese Medikamente nicht fest dosiert werden (also z. B. »morgens und abends ein Essl철ffel«), sondern dass immer so viel von diesen Medikamenten ge­nommen wird, dass der Stuhl weich bleibt. Wirkt ein Essl철ffel nicht ausreichend, so werden eineinhalb Essl철ffel genommen. Oder zwei. Oder drei – je nach Effekt. Ziel ist, den Stuhl »breiig« zu halten und regelm채횩ige, m철glichst t채gliche Entleerungen zu haben.

Das Kind f체hrt deshalb am besten auch ein »Klo-Tagebuch« – f체r jede Entleerung wird ein Stern auf den Kalender geklebt. Werden die Sterne rar, so ist es Zeit, wieder auf »Los« zur체ckzugehen, d. h. dem Darm durch La­xantien und Klistiere auf die Spr체nge zu helfen.

Bei chronischer Verstopfung braucht das Kind also starke Partner, die, zusammen mit ihm, nicht locker lassen. Denn bis der Darm wieder straff und empfindsam ist und die Muskeln wieder gut funktionieren, das dauert viele Monate oder sogar Jahre.

Stuhlmedikamente

Wenn Hausmittel nicht greifen, verordnet der Arzt dem Kind eine Zeit lang stuhlregulierende Medikamente. Beachten Sie dabei:

  • Besteht die Verstopfung schon l채nger, so wird der Darm oft zuerst durch Laxantien (= Abf체hrmittel) »gereinigt«. Gleichzeitig werden evtl. Glyzerinz채pfchen oder Klistiere ge­geben. Beachten Sie dabei: Manche Ab­f체hrmittel f체r Erwachsene sind f체r Kinder nicht geeignet, da sie oft zu stark wirken und die Darmschleimhaut reizen k철nnen.
  • Abf체hrmittel, Glyzerinz채pfchen oder Klis­tiere k철nnen zwar die Entleerung »in Gang setzen«, sind aber nur Zwischenl철sungen und sollten die langfristige »Stuhlregulierung« nicht ersetzen.
Verstopfung. Genaues Beschwerdebild Was sich am ehesten dahinter verbirgt Erste Ma횩nahmen

Verstopfung

  • Voll gestillter S채ugling
  • Keine weiteren Beschwerden
Sog. Scheinverstopfung des ­gestillten S채uglings Keine Ma횩nahmen n철tig, ein voll gestillter S채ugling, der selten Stuhlgang hat und ansonsten beschwerdefrei ist, ist gesund – daher der Begriff »Scheinverstopfung«

Verstopfung

  • Beim S채ugling
Verschiedene teils harmlose, teils ernste Ursachen Sicherheitshalber noch am gleichen Tag zum Kinderarzt gehen, wenn ein S채ugling eine echte Verstopfung hat (zu erkennen an ­allgemeinem Unwohlsein), bei Blut in der Windel, anhaltendem Schreien oder Erbrechen sofort

Verstopfung

  • Bei einem Kind, das gerade lernen soll, aufs T철pfchen oder auf die Toilette zu gehen
  • Keine weiteren Beschwerden
Phase der Sauberkeitserziehung Nicht wenige Kinder durchlaufen in der Sauberkeitserziehung eine Phase, in der sie den Stuhlgang als Machtmittel ausprobieren.
Als Eltern nicht unter Druck setzen lassen und keine Machtk채mpfe entstehen lassen, dann geht dies meist in kurzer Zeit wieder vorbei. Bei Kindern unter zwei Jahren Sauberkeitserziehung verschieben – sie sind damit noch 체berfordert
Verstopfung    
  • Bei Verzehr von wenig Obst, Gem체se oder Vollkornprodukten, viel S체횩igkeiten (v.a. Schokolade)
  • Fehlern채hrung
  • Bei Stuhldrang zur Toilette gehen und ausreichend Zeit lassen, Hausmittel anwenden. Hilft auch das nicht, Arztbesuch
  • Bei verminderter Nahrungsaufnahme (Schein­verstopfung)
  • Nichts zu verdauen → wenig Stuhl
  • Abwarten, bis das Kind mehr isst
  • Bei Fieber, Schwitzen, wenig Trinken (z. B. auf ­Reisen)
  • Fl체ssigkeitsmangel
  • Fl체ssigkeitsmangel ausgleichen, Hausmittel anwenden
  • Bettl채gerigkeit
  • Bewegungsmangel
  • Bei kurzdauernder Bettl채gerigkeit auf ausreichendes Trinken achten, wenn sich das Kind wieder bewegt, normalisiert sich der Stuhlgang in 1–2 Tagen wieder. Bei l채ngerer Bettl채gerigkeit auf ballaststoffreiche Kost achten, ggf. Laktulose (z. B. Bifiteral®) geben

Lang andauernde Verstopfung

  • Oft mit krampfartigen Bauchschmerzen, V철llegef체hl
  • Oft aufgetriebener Bauch, oft »Stuhlwalze« im linken Unterbauch tastbar
  • Oft mit Einkoten durch »paradoxen Durchfall«
Bei S채uglingen und Kleinkindern oft Morbus Hirschsprung.
Bei Kindergarten- und Schulkindern
meist »Gewohnheitsverstopfung«
(= chronisch habituelle
Obstipation
)
In den n채chsten Tagen zum Kinderarzt

Verstopfung

  • Bei sichtbarer Entz체ndung in der Analregion oder Analfissur (= kleiner Schleimhautriss am After)
  • Nach Schmerzen bei fr체heren Stuhlg채ngen
  • Nach Lebensumstellung (z. B. Einschulung), in ungewohnter Umgebung
Zur체ckhalten des Stuhls aus Angst vor Schmerzen oder weil das Kind aus den verschiedensten Gr체nden nicht auf die fremde
Toilette gehen will
Bei sichtbaren Ver채nderungen im Analbereich oder aktuellen Schmerzen beim Stuhlgang zum Kinderarzt gehen.
Versuchen ­herauszufinden, warum Ihr Kind nicht auf die fremde Toilette gehen m철chte, und m철glichst Ursache beheben, damit daraus kein chronisches Problem wird

Verstopfung

  • M체digkeit, Schw채che, K채lteempfindlichkeit
  • 횥bergewicht trotz Appetitmangels
  • M철glicherweise verz철gerte k철rperliche und geistige Entwicklung
Schilddr체senunterfunktion In den n채chsten Tagen zum Kinderarzt gehen, je j체nger das Kind ist, desto schneller. Eine Schilddr체senunterfunktion ist nur durch Blutuntersuchungen festzustellen und gef채hrdet die gesamte ­Entwicklung Ihres Kindes, ist aber durch die Gabe der fehlenden Schilddr체senhormone sehr gut zu behandeln

Verstopfung mit weiteren Beschwerden, z. B.

  • Bauchschmerzen, 횥belkeit, Erbrechen
  • Schleim- oder Blutabgang
  • Schlechtem Allgemeinbefinden
Verschiedene teils ernste
Ursachen, z. B. Darmverschluss oder Blinddarmentz체ndung
V철llegef체hl, Appetitlosigkeit und leichte Bauchbeschwerden sind bei Verstopfung normal. Alles, was dar체ber hinausgeht, kann aber auf teils ernste Erkrankungen hindeuten und muss 채rztlich abgekl채rt werden. Daher sofort zum Arzt gehen

Verstopfung in den ersten Lebenstagen

  • Kindspech (Mekonium, erster Stuhlgang des Babys) wird nicht abgesetzt
Mekonium-Darmverschluss
(= Mekoniumileus), z. B. bei Morbus Hirschsprung oder bei Mukoviszidose
Rasch zum Kinderarzt gehen

 

Aktualisiert ( Mittwoch, den 26. August 2009 um 15:46 Uhr )

© Herbert Renz-Polster et. al.: Gesundheit f체r Kinder, 2. Auflage 2006, K철sel Verlag M체nchen