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Bauchschmerzen, Bauchkrämpfe

Geschrieben von: Dr. med. Herbert Renz-Polster, Dr. med. Nicole Menche, Dr. med. Arne Schäffler
Freitag, den 10. Juli 2009 um 12:58 Uhr

Jedes Kind kennt Bauchschmerzen, und sei es nur von den Abenden nach der Geburtstagsparty, wenn die vielen Gummibärchen im Darm eine Party feiern. Zudem projizieren vor allem Kleinkinder auch Schmerzen aus anderen Körper­regionen auf den Bauch. Auch Störungen der an den Bauchraum »angrenzenden« Organe wie etwa der Blase zeigen sich oft durch Bauchweh. Entsprechend können Harn­wegs­infekte sowie bei älteren Mädchen ein manchmal schmerzhafter Eisprung (Mittelschmerz) oder der Schmerz in den Tagen vor oder zu Beginn der Perio­de Bauchschmerzen machen.
Die meisten Bauchschmerzen sind schlecht lokalisierbar. Danach be­­fragt, wo es wehtut, deutet das Kind zumeist auf den Nabel. Krampfartige Schmerzen deuten auf den Darm als Ver­ur­sacher hin, begleitendes Fieber spricht für eine entzündliche Ursache (etwa eine Ma­gen-Darm-Infektion).

Was tun bei Bauchschmerzen?

Die meisten Bauchschmerzen gehen rasch von selbst wieder weg oder sind mit den bei den einzelnen Bauch­erkrankungen beschriebenen Selbst­hilfe­mitteln gut zu lindern. Vor allem krampfartige Bauch­schmer­zen sprechen oft gut auf eine Wärm­flasche an.

Bauchschmerzen, Bauchkrämpfe. Genaues Beschwerdebild Was sich am ehesten dahinter verbirgt Erste Maßnahmen

Leichte bis mäßige Bauchschmerzen

  • Meist gleichzeitig Übelkeit, geblähter Bauch
  • Häufig Fieber
Magen-Darm-Infektion (= Gastroenteritis, Magen-Darm-Katarrh) Kind beobachten. Durchfall und Erbrechen setzen oft mit ein paar Stunden Verzögerung ein, dann weiter vorgehen wie bei Magen-Darm-Infektion dargestellt

Leichte bis mäßige Bauchschmerzen

  • Meist Klein- oder Kindergartenkinder
  • Häufig Fieber
Mitreaktion des Bauches bei Infektionen an anderer Stelle, z. B. Hals-, ­Mittelohr-, Lungenentzündung Kind beobachten, meist treten innerhalb der nächsten Stunden wegweisende Beschwerden auf. Dann entsprechend vorgehen. Sonst am nächsten Tag zum Kinderarzt gehen

Leichte bis mäßige Bauchschmerzen 

  • Kein Stuhlgang über mehrere Tage
  • Oft Völlegefühl, Appetitlosigkeit, oft nach dem Essen auftretend
  • Kein Fieber
Verstopfung Falls keine weiteren Hinweise auf eine Grunderkrankung wie etwa Bauchkrämpfe bestehen, Hausmittel zur Stuhlregulierung anwenden. Bei weiter ­bestehenden Beschwerden trotz Abführens zum Kinderarzt gehen

Bauchschmerzen unterschiedlicher Stärke 

  • Oft Fieber, vor allem bei kleineren Kindern auch Erbrechen
  • Möglicherweise Beschwerden beim Wasserlassen oder Urinveränderungen
Harnwegsinfekt Möglichst am gleichen Tag zum Kinderarzt gehen, Urinprobe mitnehmen. Siehe Uringewinnung

Bauchschmerzen unterschiedlicher Stärke

Je nach Alter z. B. Darmeinstülpung, Purpura Schönlein-Henoch, Darmentzündung, schwere Magen-Darm-Infektion, Meckel-Divertikel Blutiger Stuhl muss immer rasch vom Arzt abgeklärt werden. Kind nüchtern lassen, sofort zum Kinderarzt gehen oder (nachts) ins Kran­ken­haus fahren. Ausnahme: Blutige Durchfälle eines älteren Kindes bei nur leichten Bauchschmerzen und im Rahmen einer Magen-Darm-Infektion. Hier reicht es, noch am gleichen Tag zum Kindarzt zu gehen

Bauchschmerzen unterschiedlicher Stärke

  • Zunehmender »Verfall« des Kindes
  • Zunehmend »harter« Bauch
  • Kind mag nicht mehr laufen (Bewegungen werden als schmerzhaft empfunden)
Entzündung des Bauchfells, z. B. bei Darmverschluss oder bei durchgebrochenem Blinddarm Schlechtes Allgemeinbefinden oder zunehmend »harter« Bauch sind Warnzeichen für dringend behandlungsbedürftige Erkrankungen –
Kind nüchtern lassen, sofort zum Kinderarzt gehen oder (nachts) ins Krankenhaus fahren

Über Stunden zunehmende Bauchschmerzen

  • Beginn in der Nabelgegend, dann »Wandern« in den rechten Unterbauch
  • Oft Übelkeit, Erbrechen (setzen erst nach den Bauchschmerzen ein)
  • Möglicherweise leichtes Fieber
Blinddarmentzündung (= Appendizitis) Kind nüchtern lassen. Falls die ­Beschwerden zu einer Blinddarmentzündung passen, sofort zum Arzt oder (nachts) ins Krankenhaus fahren

Kolikartige, starke Bauchschmerzen 

  • Kind nicht apathisch
  • Fast immer abends
  • Kind 1–3 Monate alt
Dreimonatskolik Kind beruhigen, etwas zur eigenen Nervenstärkung unternehmen (Tee), Baby herumtragen, siehe Beruhigungsstrategien

Kolikartige, starke Bauchschmerzen

  • Zunehmende Apathie
  • Möglicherweise Blut in der Windel
  • Kind fast immer zwischen 3 Monaten und 3 Jahren alt
Darmeinstülpung oder
Darmverdrehung
(Volvulus)
Kind nüchtern lassen, sofort zum Kinderarzt oder (nachts) ins Krankenhaus fahren

Kolikartige, sehr starke Bauchschmerzen

  • Ausstrahlung in die Leiste oder den Rücken
  • Oft Erbrechen
  • Oft älteres Kind
Nierensteine
(bei Kindern selten)
Kleine Steine werden mit dem Urin nach draußen befördert. Bleibt der Stein hierbei in den Harnwegen stecken, kommt es zu starken, kolikartigen Schmerzen. Kind nüchtern lassen, sofort zum Kinderarzt oder (nachts) ins Krankenhaus fahren

Starke Bauchschmerzen

  • Mit Schwellung im Bereich von ­Leiste oder Hoden
Eingeklemmter Bruch Kind nüchtern lassen, sofort zum ­Kinderarzt gehen oder (nachts) ins Krankenhaus fahren

Starke Bauchschmerzen bei Jungen

  • Eher im Unterbauch, mit Ausstrahlung in Hoden oder Leiste
  • Hoden einseitig druckempfindlich, möglicherweise verfärbt
  • Möglicherweise Übelkeit
Hodendrehung Kind nüchtern lassen, sofort zum Arzt gehen oder (nachts) ins Krankenhaus fahren
Bauchschmerzen nach Gewalteinwirkung auf den Bauch, die nicht von selbst abklingen Innere Verletzungen Rasch zum Kinderarzt oder (nachts) ins Krankenhaus fahren

Wiederholte Bauchschmerzen

  • Leicht bis mäßig, Dauer bis eine Stunde, Kind evtl. blass
  • Meist Kindergarten- und Schulkinder
  • Um die Nabelgegend
  • Keine zeitliche Beziehung zu Mahlzeiten, kein Aufwachen aus dem Schlaf, keine weiteren Beschwerden, normales Gedeihen
Nabelkolik oder andere sog. funktionelle (= nicht-organische) Bauchschmerzen Kind hinlegen lassen. Falls es möchte, Bauch massieren oder Wärmflasche/ warmen Wickel auf den Bauch legen. Überlegen, ob ein Zusammenhang zu belastenden Situationen besteht oder ob das Kind z. B. in der Schule überfordert sein könnte. Bei häufiger Wiederkehr Termin beim Kinderarzt ausmachen

Wiederholte Bauchschmerzen

  • Leicht bis mäßig, uncharakteristisch
  • Oft Appetitlosigkeit
Vielerlei Ursachen, z. B. chronische Verstopfung, virusbedingte Leberentzündung (= Hepatitis), Darmbefall mit Parasiten (Amöben, Lamblien, Würmer) Treten uncharakteristische Bauchschmerzen immer wieder oder länger dauernd auf, Termin beim Kinderarzt zwecks Abklärung ausmachen, auch wenn sie von selbst wieder weggehen

Wiederholte Bauchschmerzen

  • Blähbauch
  • Oft Durchfälle
  • Oft schlechtes Gedeihen
Zöliakie oder Unverträglichkeit von Milchzucker (= Laktoseintoleranz) Termin beim Kinderarzt zwecks Abklärung ausmachen. Bei konkretem Verdacht entsprechendes Nahrungsmittel bis dahin weglassen

Wiederholte Bauchschmerzen

  • Meist Klein- und Kindergartenkinder
  • Leicht bis mäßig, Dauer Stunden bis maximal zum nächsten Morgen
  • Oft Müdigkeit, Blässe, Übelkeit, Erbrechen
Atypische Migräne des jüngeren Kindes Kind in ruhigen, abgedunkelten Raum legen, möglichst schlafen lassen. Bei einer atypischen Migräne wacht das Kind typischerweise am nächsten ­Morgen beschwerdefrei wieder auf. An­sonsten zum Arzt gehen. Bei häufiger ­Wiederkehr beim Kinderarzt vorstellen

Wiederholte Bauchschmerzen

  • Mit zeitlichem Bezug zu Nahrungaufnahme/bestimmten Nahrungsmitteln
  • Möglicherweise Übelkeit, Erbrechen, Durchfall
  • Möglicherweise Hautausschlag, Jucken, Atembeschwerden
Nahrungsmittelunverträglichkeit, -allergie Überlegen, welches Nahrungsmittel ­dahinter stecken könnte (Tagebuch führen), und mögliche Verursacher konsequent weglassen. Bei Gelegenheit Termin beim Kinderarzt zwecks weiterer Abklärung machen. Bei Atembeschwerden Notarzt rufen

Anlass zur Sorge sind Bauchschmerzen:

 

  • Die länger anhalten (etwa über 4–6 Stunden).
  • Bei denen Ihr Kind immer mehr »abbaut« und nicht mehr laufen will. Dies kann Anzeichen einer – immer gefährlichen – Bauchfellentzündung sein.
  • Bei denen sich der Bauch hart anfühlt, nicht eindrückbar und bei Berührung schmerzhaft ist – auch dies spricht für eine Beteiligung des Bauchfells. Sie sollten mit Ihrem Kind in diesen Fällen immer rasch den Arzt aufsuchen.

Auch wenn immer wieder Bauchweh auftritt und Ihr Kind dabei nicht gedeiht oder chronische Stuhlveränderungen bestehen (Durchfall oder Verstopfung), sollten die Ursachen genau abgeklärt werden. Dasselbe gilt für solche Bauchschmerzen, wegen derer Ihr Kind aus dem Schlaf aufwacht.

Aktualisiert ( Mittwoch, den 26. August 2009 um 14:26 Uhr )

© Herbert Renz-Polster et. al.: Gesundheit für Kinder, 2. Auflage 2006, Kösel Verlag München