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Übelkeit und Erbrechen

Geschrieben von: Dr. med. Herbert Renz-Polster, Dr. med. Nicole Menche, Dr. med. Arne Schäffler
Montag, den 10. August 2009 um 14:22 Uhr

Durch Erbrechen schützt sich der Körper vor schädigenden Substanzen oder Erregern, die – versehentlich oder absichtlich – in den Magen gelangt sind.
Übelkeit ist die Vorstufe des Erbrechens und signalisiert: »Jetzt nicht mehr weiteressen.«

Viele Gifte, aber auch zu viele Gummibärchen, bereiten dem Kind Übelkeit und, in der entsprechenden Dosis, Erbrechen.

Ein Kind erbricht aber auch dann, wenn der Magen-Darm-Trakt »flussabwärts« verlegt ist, etwa bei einem Darmverschluss oder einer Darmeinstülpung (= Invagination). Der Speisebrei staut sich nun zurück und wird schließlich ausgeworfen. Typisch für diese Art des Erbrechens ist die Zumischung von Galle (im Erbrochenen grasgrün!), manchmal sogar Stuhl.

Am Erbrechen sind jedoch auch steuernde Impulse aus dem Gehirn beteiligt. Aus diesem Grund führen auch Erkrankungen des Gehirns, von der Gehirnerschütterung bis zur Hirnhautentzündung, zu Übelkeit und Erbrechen. Auch das Erbrechen bei Migräne ist letztlich »gehirnbedingt«.

Eine Sonderform des Erbrechens bei Kindern ist das azetonämische Er­bre­chen. Hier kommt es immer wieder zu hart­näckigem Er­brechen ohne weitere Begleiterscheinungen. Die Kinder haben typischerweise einen obstartigen Mundgeruch (nicht jeder kann diesen Geruch »erkennen«), der auf eine Unterzuckerung des Stoffwechsels hindeutet. Auslösend können Infekte oder psychische Belastungen sein, oft treten die Attacken aber aus heiterem Himmel auf. Betroffen sind vor allem Kinder im Kindergartenalter. Da die Brech­attacken oft regelmäßig wiederkehren, werden sie auch als zyklisches Erbrechen be­zeichnet. Es wird diskutiert, ob es sich vielleicht um eine Sonderform der Migräne handelt, dies ist jedoch nicht bewiesen.

Warnzeichen

Das »normale« Erbrochene ist klar, gelb, manchmal auch braun gefärbt. Folgende ungewöhnliche Färbungen sollten rasch abgeklärt werden:

  • Galliges Erbrechen – es zeigt sich durch die gras- bis dunkelgrüne Farbe des Erbrochenen. Es kann harmlos sein, aber auch auf einen Darmverschluss hinweisen.
  • Blutiges Erbrechen – dieses ist immer ein Alarmzeichen, auch wenn sich dann manchmal eine gutartige Ursache herausstellt. So erbricht das Neugeborene gelegentlich verschlucktes mütterliches Blut, und auch bei Nasenbluten oder Zahnfleischbluten kommt Bluterbrechen vor. Schwerwiegendere Ursachen sind eine Magenschleimhautentzündung (= Gastritis), Magen- oder Zwölffinger­darm­ge­schwüre, Entzündungen der Speise­röhre (etwa bei Refluxkrankheit), Krampfadern der Speiseröhre, Verätzungen oder Blutkrankheiten. Lebensmittel­farben, rote Bete und Tomaten täuschen manchmal Blut im Erbrochenen vor.

Was tun bei Erbrechen?

Wenn ein Kind erbricht, hat es sich meist schon selbst geholfen: Es hat die Störungsursache ausgeschieden. Nur selten steht etwas Ernstes hinter dem Erbrechen, gefürchtet ist vor allem die Hirnhautentzündung. Sie lässt sich von der ebenfalls oft fieberhaft verlaufenden Magen-Darm-Infektion dadurch un­ter­scheiden, dass das Kind mit einer Hirnhautentzündung stets schwer krank ist, zunehmend abbaut und sein Nacken steif ist. Im Zweifelsfall wenden Sie sich rasch an den Kinderarzt.
Die medikamentöse Unterdrückung des Er­bre­chens ist ein zweischneidiges Schwert, da Erbrechen letzten Endes »den Magen reinigt«. Zudem wirken viele der brech­hem­men­den Mittel auch schlaffördernd (sedierend) und lassen ein Kind dann kränker erscheinen, als es eigentlich ist. Deshalb sollte Erbrechen erst nach gründlicher Abklärung der Ursachen »behandelt« werden.

Setzt der Kinderarzt ausnahmsweise ein brech­hem­men­des Mittel ein, etwa bei drohender Austrocknung oder auch bei der Reisekrankheit, verordnet er z. B. Dimenhydrinat (etwa Vomex A®).

Aus der Pflanzenheilkunde sind bei Übelkeit und Erbrechen starker Melissentee (zwei Tee­löffel frische zerschnittene oder auch ge­tro­ck­nete Blätter auf 1/4 Liter Wasser, zehn Mi­nuten ziehen lassen, schluckweise trinken), Wermuttee (1/2 Teelöffel Wermutkräuter mit einem Liter Wasser aufkochen, fünf Minuten ziehen lassen, abseihen) sowie Fenchel- und Pfefferminztee bekannt (siehe auch Heilkräutertabelle). Auch ein Aufguss aus getrockneten Heidelbeeren (ein gehäufter Teelöffel auf 1/4 Liter Wasser) kann Erleichterung bringen. Dasselbe gilt für den Ingwer: eine frische Wurzel schälen, ca. 1 cm davon fein reiben, mit einem Liter kochendem Wasser übergießen. Durch ein Teesieb abgießen, mit etwas Zitrone und Honig nicht zu süß ab­schmecken. Schluckweise kühl trinken lassen.

Übelkeit und Erbrechen. Genaues Beschwerdebild Was sich am ehesten dahinter verbirgt Erste Maßnahmen

(Leichte) Übelkeit

  • Bei Hunger (»flaues Gefühl«) oder Übermüdung
Normales Warnsignal des Körpers, auf seine Bedürfnisse zu achten Dem Kind etwas zu essen geben bzw. schlafen legen –
die Übelkeit gibt sich dann von selbst

Kurzzeitige Übelkeit ohne Erbrechen

  • Schummrigkeitsgefühl (»Schwindel«), Schwarz­werden vor den Au­gen, Ohrensausen, in ausgeprägten Fällen ­kurzzeitige Bewusstlosigkeit
  • Nach plötzlichem Aufstehen oder langem Stehen, vor allem in Wärme
Orthostase-Syndrom, nicht selten verbunden mit nied­rigem Blutdruck Kind hinlegen lassen, Beine hochlagern. Hierunter in aller Regel Besserung innerhalb kürzester Zeit. Bei länger dauernder Bewusst­losigkeit oder anhaltenden Beschwerden Notarzt rufen. Bei häufigem Auftreten zwecks Abklärung Kinderarzt aufsuchen

Übelkeit/Erbrechen

  • Bei Aufregung oder belastenden Situationen
  • Keine weiteren Beschwerden
Aufregung, psychische Belastung Kind beruhigen, keine weiteren Sofortmaßnahmen nötig.
Insbesondere bei mehrfachem Auftreten überlegen, ob ein tiefer reichendes Problem dahinter stecken könnte

Übelkeit/Erbrechen

  • Während einer Auto-, Zug-, Flug- oder Seereise
  • Oft Schwindel, Schweißausbruch, Blässe
Reisekrankheit Kind hinlegen lassen, Kopf dabei flach lagern. In ausgeprägten Fällen vor einer erneuten Reise vom Kinderarzt Medikament gegen Erbrechen empfehlen/verschreiben lassen

Übelkeit/Erbrechen

  • Oft Fieber
  • Oft Durchfall
  • Möglicherweise Bauchschmerzen
  • Möglicherweise Erkrankungen in der Umgebung
Magen-Darm-Infektion, Lebensmittelvergiftung Flüssigkeitsverluste ausgleichen – schluck- oder löffelweise Flüssigkeit wird oft trotz Erbrechens aufgenommen und vermag das Erbrechen häufig sogar zu stillen
(Rezept Rehydratations­lösung).

Auf Zeichen der Austrocknung achten

Übelkeit/Erbrechen

  • Oft Fieber
  • Keine weiteren Beschwerden
Mitreaktion bei einer Infektion an anderer Stelle
(z. B. Scharlach, Harnwegsinfekt)
Flüssigkeitsverluste ausgleichen und auf Zeichen der Austrocknung achten.
Kind auf weitere Krankheitszeichen beobachten, dann entsprechend vorgehen. Bei weiterem Fehlen von Krankheitszeichen am nächsten Tag zum Kinderarzt gehen

Übelkeit/Erbrechen

  • Kind im Kindergarten- oder Grundschulalter
  • Azetonartiger Atemgeruch (ähnlich Nagellack­entferner, durch Ketonkörperbildung bei Fasten)
  • Oft im Rahmen eines Infektes
Azetonämisches Erbrechen Langsam (löffel- oder schluckweise) Flüssigkeit mit Mineralien und Traubenzucker geben – wenn das Kind die Kohlenhydrate ins Blut aufnimmt, geht das Erbrechen wieder weg.
Hält das Erbrechen an oder trocknet das Kind aus (Warnzeichen), Kinderarzt aufsuchen oder ins Krankenhaus fahren

Würgen/Erbrechen

  • Nach heftigem Hustenanfall
Keuchhusten oder anderer sehr heftiger Husten Am gleichen Tag zum Arzt gehen. Manchmal würgen Kinder auch nach heftigem Husten, ohne dass es sich um Keuchhusten handelt, dies können Sie selbst in der Regel aber nicht entscheiden

Übelkeit/Erbrechen

  • Fieber, schlechtes Allgemeinbefinden
  • Kopfschmerzen, Lichtscheu
  • Nackensteife (das Kind kann den Kopf nicht auf die Brust beugen)
  • Oft Benommenheit
Hirnhautentzündung
(= Meningitis)
Sofort den Arzt rufen oder ins Krankenhaus fahren – wenn wirklich eine Hirnhautentzündung dahinter steckt, muss sie schnellstmöglich behandelt werden

Übelkeit/Erbrechen

  • Mit uncharakteristischen Beschwerden oder leichten Schmerzen im Oberbauch
Magenschleimhautentzündung 1–2 Tage leichte Kost (Tee, Zwieback, ausreichend ­Flüssigkeit). Bei ausbleibender Besserung zum
Kinderarzt gehen

Übelkeit/Erbrechen

  • Zunehmende Dauerbauchschmerzen, die von der Nabelgegend in den rechten Unterbauch wandern, dort auch Druckschmerz
Blinddarmentzündung (= Appendizitis) Kind nüchtern lassen. Sofort zum Kinderarzt oder (nachts) ins Krankenhaus fahren

Übelkeit/Erbrechen

  • Anhaltende Bauchschmerzen, oft kolikartig, die durch das Erbrechen nicht besser werden
  • Kein Fieber, aber sich verschlechterndes Allgemeinbefinden
Darmeinstülpung, Darmverschluss Kind nüchtern lassen, sofort zum Kinderarzt oder (nachts) ins Krankenhaus fahren

Übelkeit/Erbrechen

  • Heller Stuhl
  • Gelbverfärbung der Haut und der Augenbindehäute
Lebererkrankung, z. B.
Leberentzündung (= Virushepatitis)
Am gleichen Tag zum Kinderarzt gehen

Übelkeit/Erbrechen

  • Nach Medikamenteneinnahme
Medikamentennebenwirkung Rezeptfreie Medikamente nicht mehr geben. Bei vom Arzt verordneten Medikamenten Arzt anrufen

Übelkeit/Erbrechen

  • Nach einem Sturz auf den Kopf
Gehirnerschütterung oder Gehirnschädigung durch den Sturz Sofort zum Arzt gehen, da Sie selbst nicht unterscheiden können, ob es sich nur um eine Gehirnerschütterung oder eine ernstere Gehirnbeteiligung handelt

Übelkeit/Erbrechen

  • Nach starker Sonneneinstrahlung
  • Hochroter, heißer Kopf bei kühler übriger Haut
  • Kopfschmerzen
  • Möglicherweise Bewusstlosigkeit
Sonnenstich, Hitzschlag Kind in den Schatten bringen. Bei erhaltenem Bewusstsein mit erhöhtem Kopf lagern, Kopf mit feuchten Tüchern kühlen. Bei Bewusstlosigkeit in stabile Seitenlage bringen.
Bei ausbleibender Besserung, ausgeprägten Beschwerden oder Bewusstlosigkeit ­Notarzt rufen

Übelkeit/Erbrechen

  • Schwindel, wobei der Schwindel eine »Richtung« hat, z. B. ­Drehen oder Ziehen zu einer Seite oder Gefühl wie im Aufzug
  • Möglicherweise unsicherer Gang, Fallneigung
Verschiedenste, teils harmlose, teils ernste Störungen des
Gleichgewichtsorgans
Ärztlich abklären lassen. Bei geringen Beschwerden am gleichen Tag zum Kinderarzt gehen, bei Übelkeit und Schwindel, z. B. bei jedem Versuch, sich aufzurichten, sofort

Übelkeit

  • Nach einem Insektenstich
Allergie Kind beruhigen, hinlegen. Geht die Übelkeit nicht rasch wieder vorbei, sofort zum Kinderarzt fahren, bei
Atem- oder Kreislaufproblemen Notarzt rufen

(Wiederholt) Übelkeit/Erbrechen

  • Nach Verzehr bestimmter Nahrungsmittel
  • Möglicherweise Durchfall
  • Möglicherweise Hautausschlag, Atem- oder Kreislaufprobleme
  • Möglicherweise Kribbeln oder Brennen im Mund
Nahrungsmittelunverträglichkeit bzw. Nahrungsmittelallergie Bei anhaltender Übelkeit sofort zum Kinderarzt gehen, bei Atem- oder Kreislaufproblemen Notarzt rufen. Ansonsten Termin beim Kinderarzt ausmachen zwecks Abklärung. Bis dahin soll das Kind das unverträgliche Nahrungsmittel nicht mehr essen

(Wiederholt) Übelkeit/Erbrechen

  • Kein Fieber
  • Kopfschmerzen (pochend-stechend, oft halbseitig)
  • Licht- und Geräuschempfindlichkeit
Migräne Versuchen, das Kind in einem ruhigen, abgedunkelten Raum zum Schlafen zu bringen. Schläft es dann ruhig, steckt in aller Regel keine ernste Erkrankung dahinter

(Wiederholtes) Erbrechen ohne Übelkeit

  • Morgens auf nüchternen Magen
  • Seit längerem zunehmende Kopfschmerzen, die nach dem ­Erbrechen besser sind
  • Möglicherweise Verhaltensänderungen
Erhöhter Druck im Schädelinneren, z. B. durch einen Gehirntumor Was genau dahinter steckt, kann nur der Arzt feststellen, meist sind technische Untersuchungen nötig. Daher ­möglichst für den gleichen Tag Termin beim Kinderarzt aus­machen

Wiederholt Übelkeit/Erbrechen

  • Mit geblähtem Bauch
  • Mit Gedeihstörung
Verschiedene (chronische)
Nahrungsmittelunverträglich­keiten, Stoffwechselstörungen
Wenn eines oder beide Kriterien zutreffen, Termin beim Kinderarzt zwecks Abklärung ausmachen

Übelkeit/Erbrechen

  • Möglicherweise in der letzten Zeit allgemeine Erschöpfung, Verhaltensänderungen, Angstzustände
  • Möglicherweise Bewusstlosigkeit
Drogenmissbrauch Professionelle Hilfe suchen (z. B. Kinderarzt, Drogen­beratungsstellen). Bei Erbrechen und Bewusstlosigkeit Kind in stabile Seitenlage bringen.
Bei Bewusstlosigkeit oder Krampfanfällen Notarzt rufen

Übelkeit

  • Nach einer Verletzung
Schreck, beginnender Schock Kind beruhigen, mit erhöhten Beinen hinlegen. Ist die Übelkeit nur durch den Schreck bedingt, gibt sie sich binnen kurzer Zeit. Bei weiteren Schockzeichen oder heftiger Blutung Notarzt rufen

Erbrechen

  • Mit Benommenheit oder Krämpfen
Viele Ursachen, z. B.
Gehirnentzündung, Reye-Syndrom,
Vergiftungen
Wenn eines oder beide Kriterien zutreffen, sofort zum ­Kinderarzt gehen oder ins Krankenhaus fahren
Erbrechen beim Säugling Beim Säugling kommen fast alle in der Tabelle genannten Ursachen ebenfalls in Betracht, zudem: Gehen Sie sicherheitshalber mit jedem »echten« ­Erbrechen eines Säuglings zum Kinderarzt
  • »Im Strahl« bei einem Neugeborenen
  • Noch am gleichen Tag zum Kinderarzt gehen
  • Nach dem Essen, Kind dabei »gut drauf« und gedeihend
  • Normales Zurücklaufen von Milch (Reflux), manch­mal auch bei Überfütterung
  • Keine Behandlung erforderlich
  • Meist nach dem Essen oder auch beim Hinlegen, größere Mengen, Kind gedeiht nicht
  • Kinderarzt aufsuchen

 

Aktualisiert ( Mittwoch, den 26. August 2009 um 15:44 Uhr )

© Herbert Renz-Polster et. al.: Gesundheit für Kinder, 2. Auflage 2006, Kösel Verlag München