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Das »schwierige« Kind

Geschrieben von: Dr. med. Herbert Renz-Polster, Dr. med. Nicole Menche, Dr. med. Arne Schäffler
Dienstag, den 09. Juni 2009 um 10:14 Uhr

»Schwierige« Kinder, Problemkinder, Kinder mit Verhaltensauffälligkeiten – mit diesen Begriffen werden Kinder belegt, die an und für sich gesund sind, sich aber anders benehmen als von ihren Eltern erwartet. Manche dieser Kinder werden einer bestimmten »Problemkategorie« zugeordnet (etwa »Aufmerksamkeitsstörung mit Hyperaktivität« LINK).
Andere Kinder haben zwar Probleme, sind für ihre Mitmenschen aber keineswegs »schwierig« – das zurückgezogene, deprimierte Kind beispielsweise fällt oft erst im Ju­gend­alter auf, wenn sich seine Probleme etwa durch Essstörungen oder Drogenkonsum äußern.
Problematisches Verhalten kann aus den vielfältigsten Ursachen entstehen: vom »Mit-Rauchen« in der Schwangerschaft über mangelnde Bindung nach der Geburt (etwa durch eine schwere Erkrankung oder einen längeren Krankenhausaufenthalt), unglück­liche Eltern, zu viel Stress in der Familie, falsche Erwartungen, bis hin zu genetischen Ursachen und einem nicht entwicklungsgerechten Erziehungsstil.

Nur selten lässt sich »die« Ursache genau festmachen. Denn die meisten Verhaltens­pro-ble­me stellen eigentlich Konflikte zwischen der Persönlichkeit des sich entwickelnden Kindes und der Persönlichkeit seiner Erwachsenen dar. Das erklärt auch, weshalb das »Großwerden« beim einen Geschwisterkind ein Familiendrama sein kann und beim anderen problemlos funktioniert. Entsprechend müßig (und für die Lösung des Problems wenig effektiv) ist es deshalb oft, die »Schuldfrage« klären zu wollen.

  • Alle Kinder sind in bestimmten Phasen ihres Lebens »schwierig« – Zwei- und Dreijährige sind nun einmal Nein-Sager und Trödler.
  • Es gibt genauso viele schwierige Eltern wie schwierige Kinder. Oder noch ein wenig zugespitzt: Schwierige Kinder sind oft normale Kinder, die schwierige Eltern haben.
  • Obwohl es heißt, schwierige Kinder sind Problemkinder, gilt eher: Schwierige Kinder sind Kinder, die Probleme haben. Auch schwierige Kinder haben ihre positiven und lobenswerten Seiten!

Wie dem »schwierigen« Kind helfen?

Jedes schwierige Kind hat einen anderen Grund für seine Schwierigkeiten, Universalrezepte kann es deshalb nicht geben. Ein offenes Gespräch mit vertrauten Menschen, Freunden oder dem Kinderarzt kann oft zur Klärung beitragen. Die folgende Aufzählung kann nur einen roten Faden andeuten:

  • Stimmt die Basis? Bekommt das Kind ge­nug Anerkennung, Liebe und entwicklungs­gerechte Förderung?
  • Stimmt der »Stresspegel«? Sind die Be­zugspersonen unglücklich?.
  • Stimmen die Erwartungen? Manche Eltern haben sehr eng gefasste Vorstellungen, wie ihr Kind »sein soll«, Enttäuschungen sind da vorprogrammiert.
  • Nach den Ursachen des Problems zu suchen ist o.k., dies sollte jedoch nicht zur Suche nach der Schuld werden. Leider werden mit Problemen von Kindern immer wieder alte Rechnungen bedient.
  • Wenn Sie das Gefühl haben, es könnte besser laufen, oder Sie sich immer öfter überfordert fühlen, versinken Sie nicht in Selbstzweifeln. Vorwärts kommt, wer aus (unvermeidbaren!) Fehlern lernt. Nehmen Sie professionelle Unterstützung in An­spruch. In fast allen Städten gibt es kostenlose Erziehungsberatungsstellen von Kirchen, Jugendämtern oder freien Trägern.
     
Aktualisiert ( Montag, den 15. Juni 2009 um 13:42 Uhr )

© Herbert Renz-Polster et. al.: Gesundheit für Kinder, 2. Auflage 2006, Kösel Verlag München