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Bewusstlosigkeit und Ohnmacht

Geschrieben von: Dr. med. Herbert Renz-Polster, Dr. med. Nicole Menche, Dr. med. Arne Schäffler
Montag, den 13. Juli 2009 um 09:23 Uhr

Unser Bewusstsein wird vom Gehirn gesteuert. Funktionieren die Gehirnzellen nicht mehr richtig, so wird ein Kind zunächst apathisch
(= lethargisch, teilnahmslos), später dann stuporös (d. h. es reagiert kaum noch) und schließlich komatös oder bewusstlos, d. h. es reagiert gar nicht mehr, weder auf Ansprache noch auf kräftiges Anfassen z. B. an den Schultern.

Vielerlei Ursachen


Die Funktion der Gehirnzellen kann durch vielerlei Störungen inner- und außerhalb des Gehirns beeinträchtigt sein: 

  • Durch eine eingeschränkte Blut­ver­sor­gung des Gehirns. Dazu kommt es etwa bei schweren Blutverlusten, le­bens­be­droh­lichen Infektionen oder auch durch schwere aller­gische Reaktionen. Aber auch beim an sich gesunden Kind kann der Blutfluss zum Gehirn manchmal vorübergehend nachlassen, etwa wenn das Blut beim Stehen im Körper »versackt« oder beim zu schnellen Aufstehen nach längerem Sitzen nicht rasch genug in das Gehirn gepumpt wird. Die letztere Form der Bewusstlosigkeit nennt man auch Ohn­macht. Sie ist in aller Regel gut­artig und zeichnet sich durch den oft voraus­gehenden Schwindel oder ein Leichtigkeitsgefühl aus – beim Fallen »fängt« sich das Kind meist noch auf, d. h. es verletzt sich meist nicht.
  • Durch einen Mangel an Nährstoffen oder Sauerstoff. Wenn die empfindlichen Gehirnzellen nicht mehr genug Nährstoffe erhalten (für das Gehirn ist dabei Glukose, d. h. der Traubenzucker, am wichtigsten), entsteht Bewusstlosigkeit. Typisches Beispiel ist die Unterzuckerung. Auch wenn Sauerstoff fehlt, läuft im Gehirn nichts mehr. Ein vielen Eltern bekanntes Beispiel sind die so genannten Affektkrämpfe, bei denen das Kind vor lauter Schreien und Aufregung keine Luft mehr bekommt und dadurch bewusstlos wird.
  • Durch Gifteinwirkung. Auch Gifte können die Gehirnzellen außer Gefecht setzen, egal ob das Gift von außen zugeführt wird (etwa Alkohol oder überdosierte Medika­mente) oder im Körper selbst entsteht (etwa bei schweren Leber- oder Nierenerkrankungen).
  • Durch Störungen im Gehirn selbst. Nur wenige Formen der Bewusstlosigkeit haben ihre Ursache im Gehirn, wie etwa beim zere­bralen Krampfanfall oder bei Schädel-Hirn-Verletzungen. Der Bewusst­seins­verlust kommt dann oft plötzlich und ohne ein vorhergehendes »Schwarzwerden«. Auch bei schweren Infektionen des Gehirns werden die Gehirnzellen (oft vorübergehend) so stark angegriffen, dass Bewusstlosigkeit entsteht.

Was tun bei Bewusstlosigkeit?

Bewusstlosigkeit erfordert rasches Handeln. Lagern Sie das Kind in der stabilen Seitenlage und rufen Sie den Notarzt. Hat Ihr Kind aufgehört zu atmen, so geben Sie ihm Atemspenden.
Affektkrämpfe, die unkomplizierte Ohnmacht und die Hyperventilation können Sie dagegen zumeist in Eigenregie »behandeln«.

Bewusstlosigkeit und Ohnmacht. Genaues Beschwerdebild Was sich am ehesten dahinter verbirgt Erste Maßnahmen

Bewusstlosigkeit 

  • Kleinkind
  • Ausgelöst durch Schmerzen, Wut oder Frustration
  • Oft nach Schreien mit nachfolgender Atempause und »Blauwerden«
Affektkrampf
(= Wutkrampf, »Wegbleiben«)
Keine Sofortmaßnahmen nötig, das Kind kommt binnen kürzester Zeit wieder von selbst zu sich. Falls hinter dem Wutanfall ein nicht erfüllter Wunsch steckt, die gesamte Situation möglichst wenig beachten. Bei häufigem Auftreten Kinderarzt ansprechen

Bewusstlosigkeit 

  • Bei schnellem Aufstehen (aus der Hocke) oder nach längerem Stehen, vor allem in warmer oder stickiger Umgebung
  • Oder nach großem Schreck
  • Oft Mädchen um die Pubertät
»Ohnmacht« bei Orthostase-Syndrom, schreckbedingte Ohnmacht (sog. vagovasale ­Synkope)

Alle hier aufgeführten Bilder sind in aller Regel harmlos. Kind auf den Rücken legen (nicht hinsetzen), Beine hochlagern. Das Kind kommt binnen Minuten wieder zu sich und ist nach kurzer »Erholungszeit« beschwerdefrei. Bleibt das Kind bewusstlos, Notarzt rufen und Kind in stabile Seitenlage bringen. Hat es nach dem Aufwachen Beschwerden, Kinderarzt aufsuchen. Bei wiederholtem Auftreten zwecks Abklärung Termin beim Kinderarzt ausmachen

Bewusstlosigkeit 

  • Auffällig schnelles Atmen, Kribbeln um den Mund und an den Händen, Luftnot, Angst, Schwindel
  • Möglicherweise »Pfötchenstellung« der Hände,
  • Oft Mädchen um die Pubertät
Hyperventilation
 

Bewusstlosigkeit 

  • Bei zuckerkrankem Kind
  • Warm-feuchte Haut (wie geschwitzt)
  • Häufig Krampfanfall
Unterzuckerungsschock (= hypogly­kämischer Schock) Notarzt rufen (lassen). Atemwege frei machen und Kind in stabile Seitenlage bringen. Falls vorhanden, ­Glukagon spritzen (Notfallset). Einem nicht mehr ansprechbaren Kind nichts zu essen oder trinken einflößen, eine spezielle Zuckerpaste kann aber unter die Zunge gegeben werden
Alle anderen Formen der Bewusst­losigkeit (insbesondere wenn das Kind zuvor krank erschien oder
wenn kein Auslöser erkennbar ist)
Viele Ursachen, z. B. Vergiftungen, Dro­gen­konsum, Hirnhaut- oder Gehirnentzündungen,
Gehirn­tumor,
Gehirnverletzung,
Herz­rhyth­mus­störungen,
Hitzschlag oder
Sonnenstich
Eine Bewusstlosigkeit, die nicht in eines der obigen Raster passt, ist zunächst einmal immer ein Notfall und dringend abklärungsbedürftig – Sie selbst können nicht entscheiden, was dahinter steckt. Daher Notarzt rufen. Atemwege frei machen und Kind in stabile Seitenlage bringen. Bei fehlender Atmung mit Wiederbelebung beginnen.

 

Aktualisiert ( Mittwoch, den 26. August 2009 um 15:47 Uhr )

© Herbert Renz-Polster et. al.: Gesundheit für Kinder, 2. Auflage 2006, Kösel Verlag München