Netzathleten Partner

Hintergrundwissen seelische Störungen

Geschrieben von: Dr. med. Herbert Renz-Polster, Dr. med. Nicole Menche, Dr. med. Arne Schäffler
Mittwoch, den 08. Oktober 2008 um 08:50 Uhr

Gestört, oder was?

9303_IMS_Scheidung_psychische_Stoerung.jpg
Scheidung der Eltern – nicht selten der Auslöser für psychische Störungen bei den Kindern. Je nach Alter und Veranlagung können sie sich als Schulprobleme, emotionaler Rückzug oder gar als Depressionen äußern. Aber auch der Körper wird in den inneren Konflikt hineingezogen: Bettnässen, Kopfschmerzen und Magen-Darm-Probleme sind in und nach der Scheidungsphase häufig.
[IMS]

Kinder sind verschieden: Da gibt es Draufgänger und Schüchterne, solche, die sich gut konzentrieren können, und solche, die gerne »rumzappeln«. Man könnte sagen: Menschen sind »unterschiedlich normal« – jeder vertritt ein anderes Spektrum der menschlichen Eigenschaften.

Andererseits: Manche Kinder sind so anders, dass sie im »normalen Leben« nicht zurechtkommen. Oder dass sie an dem leiden, was sie nicht können. Starke Abweichungen von der Normalität können also durchaus als Störung empfunden und gesehen werden.

Was ein Mensch als Störung empfindet, hat aber auch damit zu tun, in welcher Umwelt er lebt. Das Leiden des Schüchternen beginnt erst, wenn man Geselligkeit von ihm erwartet, und unkonzentrierte Kinder bekommen erst dann Probleme, wenn sie ein paar Stunden still sitzen müssen. Die Störung ergibt sich also oft aus der mangelnden »Passung« zwischen der Persönlichkeit des Kindes und seiner Umwelt.

Und jedes Zeitalter definiert anders, was »Stärken« und was »Schwächen« sind: als die Welt noch gefährlich und klein war, wurden ihre Grenzen von Draufgängern wie Christopher Kolumbus erweitert – diese Abenteurer wären heute, wo es um konzentriertes Stillhalten geht, hoffnungslose Fälle.

Wer entscheidet nun, was normal ist und was als Störung gilt? Glauben wir den Medizinern, diversen Elternvereinigungen oder gar der Arzneimittelindustrie, so geht die Zahl der »normalen« Kinder unaufhaltsam gegen Null. Da ist die Aufmerksamkeitsstörung (an der angeblich bis zu 15 % der Kinder leiden), die »Wahrnehmungsstörung« (noch mal 15 %), die Zwangsstörung und so weiter. Selbst die Schüchternheit wird auf Drängen der pharmazeutischen Industrie inzwischen als Sozialangststörung bezeichnet. Ausgefeilte Therapien und Medikamente stehen bereit, denn wer gestört ist, braucht Hilfe, oder? Ganze Familien werden so zu Mini-Therapiezentren: Hier wird dem Bewegungsapparat mit einer speziellen Krankengymnastik eingeheizt, dort die Trommel geschlagen, um der Wahrnehmungsstörung Herr zu werden, und hier ein schüchternes Kind mit der roten Pille behandelt.

Solche Therapien können vielen betroffenen Kindern neuen Schwung bringen und die Familie entlasten. Manche Kinder werden durch eine erfolgreiche Therapie geradezu »neu geboren«. Bei anderen Kindern überwiegen die Nebenwirkungen, und die beständige Konfrontation mit der »Krankheit« macht sie verletzlich. Denn mit jeder Diagnose verabschiedet sich auch ein Stück von dem Gefühl, intakt und vollständig, eben »normal« zu sein wie die anderen Kinder.

Wir sollten deshalb äußerst behutsam sein, wenn wir das Etikett »gestört« auf Verhaltensunterschiede kleben. Wer lange genug sucht, findet bei jedem Kind etwas, in dem es sich von der Norm unterscheidet.

Einige wichtige Begriffe

Psychische Störung: Störung, die sich vor allem durch Auffälligkeiten im Denken, Empfinden oder Verhalten eines Menschen zeigt. Überwiegen die Einflüsse auf das Verhalten, so spricht man von einer Verhaltensstörung (bei Kindern z. B. Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom oder Aggressionen)

Psychosomatische Störungen: Solche Störungen, die seelisch (= psychisch) bedingt oder mitbedingt sind, sich aber in körperlichen (= somatischen) Erscheinungen äußern

Psychotherapie: Behandlung mit »seelischen« Mitteln, bei jüngeren Kindern vornehmlich als Spieltherapie auf spielerische Art und Weise, bei älteren Kindern zunehmend durch Gespräche (= Gesprächspsychotherapie)

Geistige Behinderung: Das Denken ist so weit beeinträchtigt, dass das Kind im Leben nur unzureichend zurechtkommt (eben behindert ist). Die anderen seelischen Funktionen (z. B. Empfinden und Verhalten) können dabei durchaus normal sein

Seelisch bedingt?

Psychische Störungen sind Störungen, die sich durch psychische Auffälligkeiten zeigen. Aber sind sie alle auch psychisch bedingt? Sicherlich nicht. Schon lange ist bekannt, dass körperliche Störungen zu psychischen Problemen führen können, etwa bei der Multiplen Sklerose oder der Parkinson-Erkrankung. Umgekehrt gilt dasselbe: Seelische Probleme können früher oder später auch im Körper »Fuß fassen« – so leiden seelisch gestresste Menschen z. B. häufiger an Bluthochdruck und haben ein höheres Risiko für einen Herzinfarkt.

In den letzten Jahren ist immer klarer geworden, dass das alte Konzept »hier Körper, dort Seele« nicht aufgeht.

Denn inzwischen steht außer Zweifel, dass auch die Seele – in einem gewissen Sinne – einen Stoffwechsel hat: Ihre vielfältigen Funktionen beruhen auf der Übertragung elektrischer Signale, wofür wiederum chemische Überträgerstoffe (= Transmitter) vonnöten sind, die am richtigen Ort zur richtigen Zeit in der richtigen Konzentration vorliegen müssen. Diese Transmitter wiederum werden stark durch andere chemische Signalstoffe beeinflusst, etwa durch Hormone und die vielfältigen Stoffe des Immunsystems (wie etwa Zytokine). Auf diese Weise können Signale aus den verstecktesten Winkeln des Körpers auf die Seele wirken. Dieses Ineinanderwirken verschiedener Orts- und Fernsprechnetze wird heute von einem speziellen Forschungszweig der Medizin untersucht, der Psychoneuroimmunologie.

Diese Verzahnung erklärt auch, dass sich bei jeder seelischen Krankheit Veränderungen von Nervenfunktionen, Überträgerstoffen, Hormonen oder gar des Immunsystems nachweisen lassen. Entsprechende Forschungsergebnisse werden dann oft als Beweis angesehen, es handle sich bei dieser oder jener psychischen Störung im Grunde um eine organische Störung.

Wenn es jedoch im Orts- oder im Fernsprechnetz des Körpers knackt und rauscht, so heißt dies nach den Erkenntnissen der Psychoneuroimmunologie nicht viel – denn ob das Rauschen nun die Ursache oder die Folge der seelischen Störung ist, ist derzeit noch immer schwer zu untersuchen. Körper und Seele sind nun einmal untrennbar miteinander verbunden.

Aktualisiert ( Montag, den 27. Oktober 2008 um 16:44 Uhr )