Netzathleten Partner

Schielen

Geschrieben von: Dr. med. Herbert Renz-Polster, Dr. med. Nicole Menche, Dr. med. Arne Schäffler
Mittwoch, den 08. Oktober 2008 um 08:22 Uhr
Beitragsseiten
Schielen
Das Wichtigste aus der Medizin
Das macht der Arzt
So helfen Sie Ihrem Kind
Vorsorge
Alle Seiten
Häufigkeit: Häufigkeit 4 von 5: Häufig

Normalerweise »blicken« unsere Augen entlang derselben Achse. Beim Schielen ist dies nicht mehr der Fall – ein Auge weicht ab, am häufigsten nach innen. Schielen ist mit einer Häufigkeit von über 5 % einer der häufigsten Sehfehler bei Kindern.

Das Problem beim Schielen ist nicht nur das verminderte Sehvermögen, sondern auch, dass die Augen das räumliche Sehen dadurch schlechter oder auch gar nicht erlernen können – und da »richtiges Sehen« nur in den ersten Lebensjahren erlernt werden kann, hat das lebenslange Konsequenzen.

Leitbeschwerden

  • Abweichen eines Auges, am häufigsten nach innen. Die Abweichung muss nicht immer sichtbar sein, oft schielt ein Kind nur, wenn es müde ist. Manchmal weicht immer das gleiche Auge ab, manchmal beide abwechselnd
  • Möglicherweise Kopfschiefhaltung, Zukneifen eines Auges
  • Möglicherweise »bloß« unerklärliche Ungeschicklichkeit

Wann zum Arzt

In den nächsten Tagen, wenn

  • Sie den Eindruck haben, dass Ihr über drei Monate altes Kind schielt.

Das Wichtigste aus der Medizin

Wie kommt es zum Schielen?

Das Auge und seine Muskeln
Die hohe und präzise Beweglichkeit des Auges wird über sechs Augenmuskeln erreicht. Fehler im Zusammenspiel dieser Muskeln sind häufig – und führen zum Schielen.
[GRA]

Meist begleitet das Schielen einen anderen Augenfehler und wird deshalb Begleitschielen genannt. Ein nicht korrigierter Sehfehler zum Beispiel (insbesondere eine höhergradige Weitsichtigkeit) führt häufig zum Schielen, vor allem dann, wenn ein Auge einen stärkeren Sehfehler hat als das andere. Es wird angenommen, dass das stärker sehbehinderte Auge versucht, die Sehschwäche durch verstärkte Nah- oder Ferneinstellung auszugleichen und dadurch dann auch die Balance der äußeren Augenmuskeln aus den Fugen gerät. Genetische Faktoren spielen dabei sicher eine Rolle, denn das Risiko des Schielens ist deutlich erhöht, wenn ein Elternteil als Kind geschielt hat.

Auch Lähmungen der Augenmuskeln führen zum Schielen (= Lähmungsschielen).

Bei manchen Kindern jedoch lässt sich überhaupt keine Ursache finden. Die Sehkraft beider Augen ist hundertprozentig, und dennoch steht ein Auge eine (von Laien allenfalls auf Fotos bemerkte) Winzigkeit »daneben«. Wegen des kleinen Schielwinkels spricht man dann auch vom Minimalschielen (= Mikrostrabismus).

Besonders gefährdet zu schielen sind Kinder, bei denen ein oder beide Elternteile geschielt haben, Frühgeborene oder Kinder, bei denen es unter der Geburt zu einem Sauerstoffmangel gekommen ist.

Welche Folgen kann Schielen haben?

Normalerweise unterscheiden sich die Bilder, welche die Augen zum Gehirn »senden«, aufgrund des Augenabstandes ein ganz klein wenig voneinander (das linke Auge sieht ein bisschen mehr vom linken Teil der Flasche, das rechte Auge mehr vom rechten Teil). Das Gehirn setzt die Bilder dann zu einem dreidimensionalen (räumlichen) Bild zusammen. Beim Schielen aber sind die beiden Bilder so unterschiedlich, dass sie als störende Doppelbilder erscheinen. Das Gehirn unterdrückt deshalb das »nicht passende« Bild des schielenden Auges. Obwohl das Kind mit zwei Augen »sieht«, akzeptiert das Gehirn trotzdem nur die Bilder eines Auges, das Kind kann deshalb nicht räumlich sehen! Wie sehr das fehlende räumliche Sehen die praktischen Fähigkeiten einschränkt, kann nur verstehen, wer einmal eine Zeit lang ein Auge zuhält und damit versucht, etwas Kaffee in eine Tasse zu gießen oder die Treppe hinunterzulaufen.

Auf Dauer wird das schielende Auge immer mehr »abgeschaltet«, es wird schwachsichtig (amblyop).


Das macht der Arzt

Für den Laien kann es sehr schwer sein zu beurteilen, ob ein Kind schielt oder nicht. Das liegt auch daran, dass das Schielen manchmal nur bei besonderen Belastungen (etwa Müdigkeit) auftritt oder aber, wie beim Minimalschielen, extrem gering und ohne Hilfsmittel oft nicht zu entdecken ist (aber deshalb leider nicht weniger folgenschwer). Hilfreich sind manchmal Fotos. Vielen Eltern fällt eine Schielstellung auf Fotos mehr auf als im Alltag. Noch besser sind Fotos mit den sonst unbeliebten »rotgeblitzten Augen«: Normalerweise sind beide Augen rot, beim Schielen jedoch nur eines. Schaut Ihr Kind auf eine Kerze, sollten die Reflexe auf der Hornhaut an gleicher Stelle sein.

Viele Babys scheinen in den ersten Lebensmonaten zu schielen, was aber eher daran liegt, dass die Dinge noch nicht so exakt fokussiert werden. Auch kann z. B. ein breiter Nasenrücken oder eine Lidfalte Schielen vortäuschen.

Gehört Ihr Kind zu einer Risikogruppe (siehe oben), sollten Sie es auf jeden Fall kurz vor dem ersten Geburtstag einem Augenarzt vorstellen, auch wenn Ihnen nichts auffällt.

Babyschielen bei fünf Monate altem Kind
Beispiel für ein fünf Monate altes Mädchen mit Minimalschielen. Schielt das Kind nur ab und zu, so geben sich solche kleinsten Schielwinkel fast immer mit der Zeit. Dennoch sollte der Augenarzt in solchen Fällen zu Rate gezogen werden.
[ASL]

Auch beim geringsten Verdacht auf ein Schielen bei Ihrem über drei Monate alten Säugling oder Kleinkind gehen Sie am besten zum Augenarzt. In Österreich erhält jedes Kind sogar routinemäßig im Rahmen der Vorsorgeuntersuchungen im zweiten Lebensjahr einen Termin beim Augenarzt.

Die Untersuchung beim Augenarzt entspricht zunächst einmal derjenigen bei den Brechungsfehlern. Zusätzlich bestimmt der Augenarzt durch verschiedene schmerzlose Tests den eventuellen Schielwinkel des Kindes.

Ist das Schielen durch nicht korrigierte Brechungsfehler bedingt, reicht es oft, diese durch eine Brille auszugleichen. Bei Weitsichtigkeit muss dies oft bereits im ersten Lebensjahr erfolgen, bei Kurzsichtigkeit kann damit – je nach Schwere – bis ins zweite oder dritte Lebensjahr abgewartet werden. In das Brillenglas zur Korrektur der Kurz- oder Weitsichtigkeit kann zusätzlich ein optisches Prisma eingearbeitet werden, das die Lichtstrahlen um einige Winkelgrade ablenkt und so dem kindlichen Gehirn hilft, die beiden Bilder von rechtem und linkem Auge wieder zur Deckung zu bringen.

Stellt der Augenarzt durch Reaktionstests fest, dass das schwächere Auge vom Gehirn »ausgeblendet« zu werden droht, muss das schwächere Auge trainiert werden – die entsprechende Behandlung wird von aufs Schielen spezialisierten »Sehschulen« durchgeführt. Zum Training wird das stärkere Auge für eine bestimmte Zeit durch ein spezielles Pflaster zugeklebt. Diese Okklusionsbehandlung ist oft über längere Zeit und wechselseitig nach einem bestimmten Schema erforderlich, um ein gutes und in etwa gleiches Sehvermögen beider Augen zu erzielen.

Ist die Abweichung des Blickwinkels so groß, dass durch Übungen kein Geradstand erzielt werden kann, kommt eine Schieloperation in Betracht, bei der die Augenmuskeln am Augapfel verkürzt und/oder umgesetzt werden. Dadurch wird der Schielwinkel kleiner. Das Auge ist nach der Operation leicht gereizt und der anfänglich zu tragende Verband stört zwar, das Kind hat aber keine Schmerzen.


So helfen Sie Ihrem Kind

Die Schielbehandlung dauert meist mehrere Jahre und ist für Sie wie für Ihr Kind mit Unannehmlichkeiten verbunden. Da aber nur bei früher und konsequenter Behandlung ein gutes Sehvermögen beider Augen erhalten und vielleicht sogar räumliches Sehen erzielt werden kann – halten Sie beide durch!

Recht häufig wehren sich die Kinder gegen das Pflasteraufkleben, weil die Haut darunter gereizt ist und wehtut. Hier helfen zum einen spezielle Gels, die unter dem Klebestreifen des Pflasters aufgetragen werden, zum anderen sollten Sie die Pflaster nicht häufiger wechseln als unbedingt nötig, da jeder Wechsel die Haut belastet. Oftmals reicht es schon, das Pflaster immer nur nach dem Duschen abzuziehen, wenn es aufgeweicht ist.

Manche Kinder lassen sich das Pflaster lieber aufkleben, wenn Sie einen Piraten oder sonst ein Bildchen darauf malen, andere hingegen möchten es so unauffällig wie möglich. Hier können Sie flexibel sein, lassen Sie aber nicht mit sich diskutieren, ob das Pflaster aufgeklebt wird oder nicht.


Vorsorge

Dem Schielen können Sie nicht vorbeugen – Sie können nur dafür sorgen, dass es frühestmöglich erkannt und behandelt wird.

Aktualisiert ( Mittwoch, den 29. Februar 2012 um 17:53 Uhr )

© Herbert Renz-Polster et. al.: Gesundheit für Kinder, 2. Auflage 2006, Kösel Verlag München