Netzathleten Partner

Krämpfe und Muskelzuckungen

Geschrieben von: Dr. med. Herbert Renz-Polster, Dr. med. Nicole Menche, Dr. med. Arne Schäffler
Montag, den 10. August 2009 um 10:07 Uhr

Krämpfe und (unwillkürliche) Muskel­zuckungen sind zumindest in stärkerer Ausprägung für Kind wie Eltern sehr beunruhigend: Es macht Angst, wenn die Muskeln nicht mehr das tun, was man will, sondern sich unabhängig vom Willen zusammenziehen. Manchmal verliert das Kind außerdem das Bewusstsein – es reagiert nicht mehr, wenn man es anspricht oder anfasst.

Vielerlei Ursachen

Krämpfe und Muskelzuckungen sind Sammelbegriffe für ganz verschiedene Bilder, und auch für den Arzt ist es manchmal schwierig, die Ursache festzustellen. So gehen manche Krämpfe von den Muskeln selbst aus (ein typisches Beispiel ist der Muskelkrampf, den sich ein Kind beim Sport zuzieht), andere Krämpfe sind Ausdruck von krankhaften Nervenimpulsen aus dem Gehirn. Ein typisches Beispiel hierfür ist der epileptische Anfall.
Trotz aller Aufregung – versuchen Sie, den »Krampf« genau zu beobachten, da dies dem Arzt entscheidende Hinweise geben kann.

Was tun bei Krämpfen?

Auch wenn sie dramatisch verlaufen, kommen Kinder durch die Krämpfe selbst nur in extremen Ausnahmefällen zu Schaden. Allerdings haben manche Krämpfe bedrohliche Ursachen und sollten deshalb immer rasch abgeklärt werden.
Bei einem Krampfanfall rufen Sie am besten den Notarzt. Flößen Sie dem Kind nichts ein und schieben Sie ihm nichts in den Mund, da es daran ersticken könnte. Auch Festhalten bringt nichts. Wenn der Krampf vorüber ist, lagern Sie das nun meist schläfrige oder sogar bewusstlose Kind in der stabilen Seitenlage.

Krämpfe und Muskelzuckungen. Genaues Beschwerdebild Was sich am ehesten dahinter verbirgt Erste Maßnahmen

Kleine, immer gleiche Muskelzuckungen an Kopf oder Gesicht (z. B. Zwinkern, Grimassieren) 

  • Erhaltenes Bewusstsein
  • Meist bei Aufregung zunehmend
  • Können vom Kind eine Zeit lang willkürlich unterdrückt werden
Tic Tics sind bei Kindern sehr häufig und meist vorübergehend. Fühlt sich das Kind insgesamt wohl und zeigt es keine weiteren Krankheitszeichen (z. B. Aufmerksamkeitsstörungen), kann man ruhig zuwarten. Das Kind nicht ständig darauf ansprechen oder tadeln – das ­verfestigt den Tic nur

Krämpfe einzelner Muskeln oder Muskelgruppen 

  • Während oder nach längerem Sport oder ­anderer Anstrengung
  • Schmerzhaft, bestimmte Positionen bringen Erleichterung
  • In der Regel einseitig
  • Erhaltenes Bewusstsein
Überanstrengung. Typische Beispiele: Waden-, Oberschenkelkrampf Sport oder andere zugrunde liegende Bewegung stoppen, Muskel dehnen und massieren. Meist harmlos, bei häufigem Auftreten vom Kinderarzt abklären lassen, ob z. B. ein veränderter Mineralstoffgehalt des Blutes vorliegt

Zuckungen einzelner Muskeln oder Muskelgruppen

  • Kurz nach dem Einschlafen
Normale ­Erscheinung Keine Maßnahmen nötig

Krämpfe/Zuckungen einzelner Muskeln oder Muskelgruppen 

  • Die das Kind nicht unterdrücken kann
  • Bei denen das Kind »abwesend« wirkt
  • Bei denen das Kind stürzt
Bestimmte Formen der Epilepsie (z. B. Absence) Baldmöglichst zum Kinderarzt gehen, eine genaue Diagnose ist nur durch weitere Untersuchungen (z. B. EEG) möglich. Bei Krämpfen oder Zuckungen mit Stürzen wegen der Verletzungsgefahr bei erneutem Auftreten am gleichen Tag Arzt aufsuchen

Beidseits Krämpfe der Hände 

  • Meist ältere Kinder
  • Möglicherweise nach Aufregung
  • Atemnot (Angst),dabei sehr schnelles und tiefes Atmen
  • (Zunächst) erhaltenes Bewusstsein
  • Kribbelgefühl vor allem um den Mund und an den Händen
  • Pfötchenartige Handhaltung
Hyperventilations­tetanie infolge übersteigerter Atmung (→ kurzzeitige Veränderung der ­Mineralstoffe im Blut →, Taubheits-, Kribbel­gefühle, Krämpfe) Kind beruhigen und zu langsamem, oberflächlichem Atmen auffordern. Hilft dies nicht, eine kleine Plastiktüte so vor Mund und Nase des Kindes halten, dass es in diese ein- und ausatmet. Durch das Rückatmen der »verbrauchten« Luft wird die Veränderung der Mineralstoffe im Blut rückgängig gemacht und das Befinden normalisiert sich wieder

Krampf des Kiefers und Gesichts 

  • Besonders Mundöffnung und Schlucken erschwert bis unmöglich
  • Vorher meist grippeähnliche Beschwerden (Müdigkeit, Kopfschmerzen, Frösteln)
Wundstarrkrampf (= Tetanus).
Nur bei unvoll­ständi­ger Tetanus-(Wundstarrkrampf-)Impfung. Extrem selten
Notarzt rufen (lassen)

Beidseits leichte Muskelzuckungen 

  • Vorher Schwindel, Schwarzwerden vor den Augen, langsames Zusammensacken
  • Kind (kurzzeitig) nicht ansprechbar
  • Blasse Haut
  • Meist nach längerem Stehen (vor allem in warmer Umgebung)
  • Bei kleineren Kindern oft nach Schmerzen, bei Zorn oder Frustration (→ Atemanhalten → Blau-Werden → Ohnmacht)
Ohnmacht, Affektkrampf

Kind hinlegen, Beine hochlagern 

  • Meist erwacht das Kind nach wenigen Sekunden wieder. Dann ein paar Minu­ten warten, bis es sich wieder völlig wohl fühlt, und langsam aufrichten. Ein Notarzt ist nicht nötig, Sie sollten jedoch bei gehäuftem Auftreten den Kinderarzt ansprechen, da z. B. eine Blutarmut ­dahinter stecken kann
  • Erwacht das Kind nicht, Notarzt rufen, hat es sich verletzt oder anhaltende Beschwerden, sofort zum Kinderarzt gehen

Beidseits Krämpfe 

  • Bei zuckerkrankem Kind
  • Kind nicht ansprechbar
  • Warm-feuchte Haut (wie geschwitzt)
  • Vorher möglicherweise Zittrigkeit, Heißhunger
Unterzuckerungsschock Notarzt rufen (lassen). Atemwege frei machen und Kind in stabile Seitenlage bringen. Falls vorhanden, Glukagon spritzen (Notfallset). Dem Kind nichts zu trinken einflößen, eine spezielle Zuckerpaste kann aber unter die Zunge gegeben werden

Beidseits Krämpf

  • Nach Schädelverletzung oder Gehirn­erschütterung
Verletzungs­bedingte Krampfanfälle Notarzt rufen (lassen).
Atemwege frei machen, Kind in stabile Seitenlage bringen

Beidseits Krämpfe

  • Kind nicht ansprechbar
  • Meist Kleinkinder
  • Möglicherweise vorher Übelkeit, Erbrechen
  • Hinweise auf eine Vergiftung (z. B. Fehlen von Tabletten, offener Putzmittelschrank)
Vergiftung Notarzt rufen (lassen). Bis zum Eintreffen Vorgehen wie bei großem Krampfanfall (siehe un­ten). Kind nicht zum Erbrechen bringen! Falls möglich, nach ­Hinweisen auf die ursächliche ­Substanz suchen
Beidseits Krämpfe   Notarzt rufen (lassen).
  • Kind nicht ansprechbar
  • Plötzlicher Sturz zu Boden. Dann möglicherweise Steifwerden für 10–20 Sek., gefolgt von heftigen, beidseitigen Zuckungen von Armen, Beinen und Kopf über 1–10 Min.
  • Möglicherweise bläuliche Haut, Schaum vor dem Mund oder Urinabgang
  • Meist hört der Krampf nach ein paar Minuten von selbst auf und das Kind schläft
Großer Krampfanfall (= Grand-mal-Anfall) Kind zum Schutz vor Verletzungen von scharfen Gegenständen sowie Treppe o. Ä. wegziehen. Keinen Gummikeil oder andere Gegenstände in den Mund schieben, keine Medikamente einflößen, Gliedmaßen nicht festhalten. Wenn der Krampf aufgehört hat und das Kind schläft, Kind in die stabile ­Seitenlage bringen.
Weitere Kennzeichen: z. B. bei:  
  • Ohne erkennbaren Auslöser
Ein großer Krampfanfall kann eine Vielzahl von Ursachen haben – von harmlos bis ernst. Daher muss bei erstmaligem Auftreten immer und unverzüglich eine ärztliche Abklärung erfolgen
  • Bei Fieberanstieg, Kind ½–5 Jahre alt
  • Im Rahmen einer (hoch fieberhaften) Infektion, vorher möglicherweise Nackensteife aufgefallen
 
  • Hinweise auf eine Vergiftung (z. B. Fehlen von Tabletten, leere Flaschen, offener Putz­mittelschrank)
  • Vergiftung
 
  • Kopfschmerzen, Verhaltensänderung (z. B. Reizbarkeit), Übelkeit, Erbrechen
  • Gehirntumor
Krämpfe jeglicher Art (auch plötzliche »Abwesenheit«)  
  • Nach einem Unfall mit Kopfbeteiligung
  • Gehirnverletzung/-blutung
  • Notarzt rufen (lassen)
  • Bei ausgetrocknetem Kind (z. B. schwerer Durchfall)
  • Krämpfe durch Entgleisung des Salzhaushalts
  • Notarzt rufen (lassen)
  • Bei zuckerkrankem, mit Insulin behandeltem Kind
  • Notarzt rufen (lassen). Falls vorhanden, Glukagon spritzen. Kind nichts zu trinken einflößen (außer spezieller Zuckerpaste für unter die Zunge). Kind in stabile Seitenlage bringen

 

Aktualisiert ( Mittwoch, den 26. August 2009 um 15:30 Uhr )

© Herbert Renz-Polster et. al.: Gesundheit für Kinder, 2. Auflage 2006, Kösel Verlag München