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Veränderungen des Urins und beim Wasserlassen

Geschrieben von: Dr. med. Herbert Renz-Polster, Dr. med. Nicole Menche, Dr. med. Arne Schäffler
Dienstag, den 11. August 2009 um 08:13 Uhr

Wenn es bei Kindern Probleme mit dem Was­serlassen gibt, dann heißt das Problem meist »Bettnässen« – und das ist in aller Re­gel zwar ein Ärgernis (vor allem für das Kind), aber keine Krankheit (siehe Einnässen).
Alle anderen »Pipi-Probleme« sind, abgesehen vom Harnwegsinfekt und der Entzündung der äußeren Geschlechtsorgane, recht selten.

Verklebung der Schamlippen

Ein anderes Problem, das nur in Ausnahme­fällen krankhaft ist, ist die bei Mädchen unter sechs Jahren gar nicht so seltene Ver­kle­bung der kleinen Schamlippen (= Labien­­synechie). Sie tritt bei immerhin 2 % der Mäd­chen im Alter von 3 Monaten bis 6 Jahren auf. Meist handelt es sich um eine zu­fällige Entdeckung, etwa beim Windel-Wechseln: Die kleinen Schamlippen kleben mit ei­ner blassen, halb durchsichtigen »Brücke« zusammen. Oder das Kind bemerkt beim Auf­stehen nach dem Wasserlassen, dass Urin eine Zeit lang »nachtröpfelt«. Nur ganz selten entstehen echte Probleme, etwa durch Infektionen der Scheide, Harnwegsinfekte oder Probleme mit dem Wasserlassen.

Woher die Verklebung genau kommt, ist im Einzelfall unbekannt, evtl. besteht zuerst ei­ne Entzündung an den kleinen Schamlippen (etwa durch Sand vom Spielen, reibende Klei­dung oder juckende Finger) und die beiden Hautfalten wachsen bei der Heilung einfach zusammen. Der »Verschluss« ist aller­dings nur provisorisch – in der Pubertät, wenn  die Schamlippen durch die weiblichen Geschlechts­hormone aufge­lo­ckert werden, tren­nen sich die Lippen meist wieder von selbst.

Deshalb kann mit der Behandlung zumindest im »Windelalter« zugewartet werden. Bedeckt die Verklebung einen großen Teil der Scheidenöffnung, so zeigen Sie den Befund aber am besten dem Kinderarzt, um sicher zu gehen, dass das Problem tatsächlich von den kleinen Schamlippen ausgeht (auch ein Jungfernhäutchen kann selten einmal die Scheide komplett ver­schließen).

Bestehen Probleme wie Harnträufeln, oder geht die Verklebung einfach nicht weg, so kann eine östrogenhaltige Creme (etwa Ovestin®) zwei bis drei Wochen lang ein- bis zweimal täglich aufgetragen werden. Damit sie gut wirkt, wird sie am besten mit dem Finger einmassiert. Löst sich die Verklebung, behandeln Sie noch eine Weile mit einer Heilsalbe nach. Wirkt die Östrogencreme nicht, so können die Schamlippen (nach Vorbehandlung mit ei­ner betäubenden Creme, evtl. zusätzlich in einer leichten Narkose) von einem Frauenarzt instrumentell auseinander gespreizt werden.

Veränderung des Urins und beim Wasserlassen. Genaues Beschwerdebild Was sich am ehesten dahinter verbirgt Erste Maßnahmen
Brennen beim Wasserlassen    
  • Häufigkeit des Wasserlassens und Urinmenge normal, gerötete, geschwollene Haut in der Genital­region, bei Mädchen möglicherweise Scheidenausfluss
  • Bei Wickelkindern wie bei Windeldermatitis vorgehen. Bei Fehlen einer offensichtlichen Ursache oder Erfolglosigkeit der Selbsthilfe zum Arzt gehen
  • Häufiges Wasserlassen meist kleiner Urinmengen, Urin möglicherweiser trüb oder streng riechend
  • siehe unten

Häufiges Wasserlassen geringer Urinmengen (bei normaler Tagesurinmenge)

  • Brennen und Schmerzen beim Wasserlassen
  • Häufig veränderter Uringeruch, trüber Urin
  • Möglicherweise Fieber
Harnwegsinfektion Am gleichen Tag zum Arzt gehen, Urinprobe möglichst gleich mitnehmen. Siehe Uringewinnung
Häufiges Wasserlassen normaler Urinmengen    
  • Reichliches Trinken meist süßer Getränke, keine ­weiteren Beschwerden
  • Erhöhte Urinmenge als Reaktion auf die (zu) hohe Flüssigkeitszufuhr
  • Kind nur noch Wasser und ungezuckerten Tee anbieten, diese löschen den Durst besser
  • Nach Genuss größerer Mengen schwarzen Tees, ­Kaffee oder Cola
  • Harntreibende Wirkung der genannten Getränke
  • Andere Getränke anbieten. Das Wasserlassen müsste sich dann binnen weniger Stunden normalisieren
  • Starker Durst unabhängig von der Art der Getränke (auch nachts) oder weitere Beschwerden wie Müdigkeit, Schlappheit, Gewichtsverlust oder Zeichen der Austrocknung
  • Verschiedene Erkran­kungen, z. B. Diabetes mellitus (= Zuckerkrankheit), Fehlen des den Harn konzentrierenden ­Hormons oder Nicht-Ansprechen der Niere da­rauf
  • Sie selbst können nicht entscheiden, ob eine oder ­welche Erkrankung dahinter steckt. Daher baldmöglichst zum Kinderarzt gehen. Bis dahin Kind trinken lassen. Bei Zeichen der Austrocknung oder Zustandsverschlechterung sofort zum Kinder- oder Notarzt gehen
Verminderte Urinmenge    
  • Bei Fieber, Durchfall, Erbrechen, Hitze, starkem Schwitzen
  • Normale Reaktion des Körpers auf den Flüssigkeitsmangel
  • Die verminderte Urinmenge ist eine normale Reaktion des Körpers auf Flüssigkeitsmangel, im Extremfall kann der Flüssigkeitsmangel aber zum Nierenversagen führen. Daher auf eine ausreichende Trinkmenge achten
  • Mit Kopfschmerzen, Übelkeit und anderen Beschwerden, leichtes Fieber, schmutzig-brauner Urin
  • Baldmöglichst zum Kinderarzt gehen, auf jeden Fall noch am gleichen Tag
»Abtröpfeln« von Urin nach dem Aufstehen vom
Wasserlassen
Verklebung der kleinen Schamlippen ­(Labiensynechie). Sie ist nicht selten und macht meist gar keine Beschwerden Keine Erstmaßnahmen nötig, jedoch sicherheitshalber Termin beim Kinderarzt ausmachen. Details siehe oben
Verminderte Urinmenge    
  • Bei Fieber, Durchfall, Erbrechen, Hitze, starkem Schwitzen
  • Normale Reaktion des Körpers auf den Flüssigkeitsmangel
  • Die verminderte Urinmenge ist eine normale Reaktion des Körpers auf Flüssigkeitsmangel, im Extremfall kann der Flüssigkeitsmangel aber zum Nierenversagen führen. Daher auf eine ausreichende Trinkmenge achten
  • Mit Kopfschmerzen, Übelkeit und anderen Beschwerden, leichtes Fieber, schmutzig-brauner Urin
  • Baldmöglichst zum Kinderarzt gehen, auf jeden Fall noch am gleichen Tag
Gar kein Urin Verschiedene Ursachen, z. B.: Zum Kinderarzt gehen oder am Wochenende ins Krankenhaus fahren
  • Alarmsignal, wobei die »Zeitgrenze« altersabhängig ist. Normalerweise ist die Windel bei Babys nach jeder Mahlzeit nass, ältere Kinder gehen auch bei Fieber mindestens dreimal täglich zur Toilette
  • Unvermögen, Wasser zu lassen, trotz Harndrang, der zunehmend schmerzhafter wird
  • Harnverhalt (bei Kindern selten)
Roter Urin    
  • Klar-roter Urin nach Verzehr färbender Lebensmittel (v.a. Rote Bete) oder Einnahme bestimmter Medikamente
  • Farbstoffbedingt
  • Roter Urin nach Verzehr »färbender« Lebensmittel geht binnen kurzer Zeit von selbst wieder zurück. Bei Medikamenteneinnahme Beipackzettel lesen, ist dort keine Rotfärbung als Nebenwirkung vermerkt, Arzt anrufen
  • In allen übrigen Fällen, bei trüb-rotem Urin oder bei weiteren Beschwerden
  • Am gleichen Tag zum Kinderarzt gehen, wahrscheinlich enthält der Urin Blutbeimengungen. Urinprobe möglichst gleich mitnehmen. Siehe Uringewinnung
Dunkler Urin    
  • Bei Fieber, Durchfall, Erbrechen, Hitze, starkem ­Schwitzen
  • Konzentrierter Urin bei Flüssigkeitsmangel
  • Mehr zu trinken anbieten. Mit Ausgleich des Flüssigkeitsmangels wird der Urin von selbst wieder heller
  • Heller Stuhl, Gelbfärbung der Haut und des Weißen im Auge
  • Noch am gleichen Tag zwecks Abklärung zum Kinderarzt gehen

Trüber Urin

  • Schmerzen beim Wasserlassen, häufiges Lassen kleiner ­Urin­mengen
Meist Harnwegsinfektion Am gleichen Tag zum Kinderarzt gehen. Urinprobe möglichst gleich mitnehmen. Siehe Uringewinnung
Jegliche Veränderungen des Urins oder des Wasser­lassens nach einer Verletzung im Flanken-Rücken-Bereich, im Genitalbereich oder nach Blutverlust z. B. schmerzbedingtes Zurückhalten des Urins, Verletzungen, Nierenversagen Sofort zum Kinderarzt oder mit dem Kind ins Krankenhaus gehen – Sie selbst können nicht entscheiden, ob die Ursache harmlos oder ernst ist
Aktualisiert ( Mittwoch, den 26. August 2009 um 15:45 Uhr )

© Herbert Renz-Polster et. al.: Gesundheit für Kinder, 2. Auflage 2006, Kösel Verlag München