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Appetitlosigkeit

Geschrieben von: Dr. med. Herbert Renz-Polster, Dr. med. Nicole Menche, Dr. med. Arne Schäffler
Montag, den 06. Juli 2009 um 09:41 Uhr

Appetitlosigkeit ist eher selten ein Problem des Kindes; meist ist es ein Problem der Eltern. Gesund erscheinende, leistungsfähige Kinder haben stets so viel Appetit, dass ihr Energiehaushalt im grünen Bereich bleibt – es ist eine medizinische Tatsache, dass noch kein gesundes Kleinkind mit freiem Zugang zu Nahrung verhungert ist.
Das »Problem Appetitlosigkeit« rührt zum einen von falschen Erwartungen der Eltern, die sich im ersten Lebensjahr an einen stets hungrigen Säugling gewöhnt haben und dann angesichts des vergleichsweise langsamer wachsenden (und deshalb auch weniger hungrigen) Kleinkinds verzweifeln. Zum anderen hat die von den Eltern bemerkte Appetitlosigkeit bei den Mahlzeiten häufig nichts mit einer generellen Appetitlosigkeit zu tun. Denn Klein- und Schulkinder nehmen oft eine erhebliche Menge an Kalorien in Form von Getränken und Snacks »zwischendurch« zu sich und sind dann verständlicherweise bei den Hauptmahlzeiten nicht hungrig (mehr dazu S. 83). Hier kann Wasser Wunder tun: Es stärkt den Appetit anstatt ihn zu stillen, und wenn etwas daneben geht, trocknet es rückstandsfrei.
Dass »Appetitlosigkeit« auch als bevorzugtes Erpressungsmittel vieler Kinder fungiert, sollte nicht unerwähnt bleiben.

Oft ist das einzige Problem, das »appetitlose« Kinder haben, dass sich Eltern einbilden, sie müssten »alles tun«, um die Kinder zum Essen zu bringen, wo der einzig erfolgreiche Weg der wäre, gar nichts zu tun oder allenfalls ein paar Regeln des gesunden Menschenverstands einzuführen: wie etwa, dass Kinder sich nicht vor dem Mittagessen mit Süßem vollstopfen. Auch die Drohung »überhaupt nichts zu essen« brauchen Sie nicht zu fürchten: Während Säuglinge noch auf regelmäßige Kalorienzufuhr angewiesen sind, können Kleinkinder zwölf oder mehr Stunden ohne Mahlzeit über­brücken.

Appetitlosigkeit mit begleitenden Krankheitszeichen oder mit daraus resultierendem Gewichtsverlust sowie mangelnder Appetit beim Säugling sind dagegen immer Zeichen einer zugrunde liegenden Krankheit und sollten daher vom Arzt abgeklärt werden (siehe auch Trinkverweigerung beim Säugling und Gedeihstörungen).

Appetitlosigkeit. Genaues Beschwerdebild Was sich am ehesten dahinter verbirgt Erste Maßnahmen

Plötzlich entstandene Appetitlosigkeit

  • Im Rahmen einer Erkrankung, z.B. einer Erkältung oder Grippe
Normale Reaktion des Körpers auf die Erkrankung Plötzliche Appetitlosigkeit deutet meist darauf hin, dass das Kind etwas ausbrütet. Kind jetzt nicht zum Essen zwingen, aber auf ausreichendes Trinken achten. Mit Einsetzen von Krankheitszeichen je nach mutmaßlicher Ursache vorgehen

Plötzlich entstandene Appetitlosigkeit

  • Keine weiteren körperlichen Beschwerden
  • »Bedrücktsein«, auffällige Stille oder Verhaltensänderung des Kindes
Psychisches Problem,
z. B. Streit mit Freunden, Familienprobleme, Schuldgefühle oder Angst
Wenn ein Kind plötzlich nichts essen will, aber gleichzeitig weitere Beschwerden verneint, steckt oft ein psychisches Problem dahinter. Vorsichtig versuchen, dies zu ergründen. Ansonsten Kind nicht zum Essen zwingen, kein Problem daraus machen, aber Kind sorgfältig weiter beobachten. Manche Kinder sind auch im Frühstadium einer Infektion auffällig ruhig (siehe oben)

Länger dauernde Appetitlosigkeit 

  • Keine Gewichtsabnahme
  • Keine weiteren Beschwerden, volle Leistungsfähigkeit des Kindes
Normale Phase geringeren Nahrungsbedarfs oder falsche Ess­gewohnheiten Essgewohnheiten überprüfen, ob wirklich »echte« Appetitlosigkeit vorliegt. Isst das Kind viel »zwischendurch« oder trinkt es reich­lich Saft oder Milch, ist es schon dadurch satt. Manch­mal braucht es eine ganze Zeit lang wirk­lich wenig, um nach Monaten sprung­haft mehr zu essen. Aus dem »Nicht-Essen« kein Thema ma­chen, sich nicht unter Druck setzen lassen

Länger dauernde ­A.

  • Verhaltensänderung des Kindes (z. B. Bedrücktsein)
  • Gewicht meist nicht oder nur wenig verändert
Häufig psychische Be­lastung, z. B. Umzug, Kon­flik­te der Eltern, Schul­probleme. Seltener Depression Zunächst überlegen, ob das Kind psychischen Belastungen ausgesetzt ist. Finden Sie keine Ursache und hält der Zustand über Wochen an, zum Kinderarzt gehen – es kann sich z. B. um eine Depression handeln
Länger dauernde ­A.
  • Weitere Krankheitszeichen jeglicher Art
  • Möglicherweise Gewichts­abnahme
Chronische Erkrankung, wobei jedes Organ in Betracht kommt, z.B. Darmerkrankungen, Blutarmut (= Anämie), Tumor-, Herz­erkrankungen Termin beim Kinderarzt ausmachen – insbesondere Gewichtsabnahme ist ein
Warnzeichen. Praktisch jede chronische Erkrankung kann den Appetit vermindern, wobei nicht immer deutliche Organbeschwerden wie etwa Durchfälle bestehen 

Länger dauernde ­A.

 

  • Verstopfung
  • Möglicherweise Bauchschmerzen, vor allem nach dem Essen
Verstopfung
 
Chronisch verstopfte Kinder essen wegen des Völlegefühls weniger. Die Behandlung besteht hier in einer Regulierung des Stuhls (Hausmittel zur Stuhlregulierung)
Länger dauernde ­A.
  • Meist Mädchen ab 12 Jahren
  • Teils erhebliche Gewichts­abnahme in kurzer Zeit
  • Gedanken kreisen um Diät
  • Körperliche Leistungsfähigkeit erhalten, oft sehr viel Sport
Magersucht (= Anorexia nervosa) Die Appetitlosigkeit ist hier nur scheinbar, die Kinder verweigern (sich) vielmehr das Essen. Baldmöglichst Termin beim Kinderarzt ausmachen, bis dahin aber keine Konflikte ums Essen entstehen lassen
Länger dauernde A.
  • Antriebslosigkeit, Müdigkeit
  • Kälteempfindlichkeit
  • Gewichtszunahme
Schilddrüsenunterfunktion Termin beim Kinderarzt ausmachen, da zur Diagnosesicherung Blutuntersuchungen nötig sind

Was tun bei Appetitlosigkeit?

Echte Appetitlosigkeit weist immer auf ein zugrunde liegendes Problem im körperli­chen oder im seelischen Bereich hin. Der Appetit stellt sich erst wieder ein, wenn dieses be­handelt ist. Die Wirkung appetit­anregen­der, »stärkender« Säfte ist deshalb begrenzt.
Der viel häufigere (und leider meist nachdrücklich »behandelte«) scheinbare Appetit­mangel kann durch »Säftchen« eben­falls nicht geheilt werden. Auch »gut zusprechen«, Belohnungen, ständiges Nörgeln oder Druck sind unangebracht, sie machen aus dem scheinbaren Problem oft ein echtes: Aus dem »schlechten Esser« wird ein essgestörtes Kind und aus dem Essen ein Familiendrama.
Sorgen Sie dafür, dass Ihr Kind einen vernünftigen Essensrhythmus entwickelt und hungrig an den Tisch kommt. Also: Kalorienbomben zwischendurch reduzieren, keine Schokoriegel auf dem Nachhauseweg von der Schule, und vor allem keine »flüssigen Nahrungsmittel« wie Limonade oder konzentrierte Säfte anbieten.

 

Aktualisiert ( Dienstag, den 25. August 2009 um 10:26 Uhr )

© Herbert Renz-Polster et. al.: Gesundheit für Kinder, 2. Auflage 2006, Kösel Verlag München