Netzathleten Partner

Infektionsneigung

Geschrieben von: Dr. med. Herbert Renz-Polster, Dr. med. Nicole Menche, Dr. med. Arne Schäffler
Freitag, den 07. August 2009 um 14:14 Uhr

Das Kleinkind könnte geradezu als ein Wesen mit naturgegebener Infektionsneigung beschrieben werden. Denn »ohne Fleiß kein Preis« ist die Devise des Immunsystems – es kann nur dann leistungsfähig werden, wenn es die wichtigsten Erreger nach und nach »durchmacht«. Dieses Training beginnt gegen Ende des ersten Lebensjahres, wenn der natürliche Schutz durch die mütterlichen Antikörper (siehe Nestschutz) abfällt. Ab jetzt sind bis zum Schulalter im Schnitt 6–8 Infektionen (im 2. Lebensjahr so­gar 8–12) pro Jahr normal. Nichtgestillte Kinder sowie Kinder rauchender Eltern haben statis-tisch mehr Infektionen, vor allem Mittelohrentzündungen, als ihre gestillten, nicht-mitrauchen­den Altersgenossen. Auch Kinder in großen Familien oder Kleinkinder, die Kinderbetreuungseinrichtungen besuchen, schlagen sich häufiger mit »eingeschleppten« Infekten herum.

Weniger als ein Prozent der Kinder leidet unter einer krankhaften Infektionsneigung durch eine angeborene oder erworbene Schwäche des Immun­systems. Solche Kinder fallen nicht nur durch sehr häufige Infektionen auf, sondern vor allem durch langwierige und schwerwiegende Verläufe der Infektionen (etwa Abszessbildungen an der Haut). Häufig findet der Arzt ungewöhnliche Erreger als Ursache (z. B. Pilze).

Häufige Infektionen brauchen aber nicht unbedingt auf Probleme des Immunsystems zurückzugehen. Gehäufte Infektionen entstehen auch im Rahmen bestimmter Organkrankheiten. So neigen z. B. Kinder mit einer Refluxkrankheit immer wieder unter Bronchitis und haben auch häufiger Mittelohrentzündungen. Auch Kinder mit schlecht behandeltem Asthma sind häufiger krank, sie können wegen der verengten Bronchien ihre Luftwege schlechter »sauber halten« und deshalb immer wieder Lungenentzündungen bekommen. Bei Kindern mit einer Abflussstörung an den Harnwegen (vesikou­reteraler Reflux) häufen sich Harnwegs­infekte, und so weiter. Hat ein Kind also immer wieder »Probleme an der gleichen Stelle«, ist eine Suche nach eventuell zugrunde liegenden Störungen empfehlenswert.

Was tun bei Infektneigung?

Die meisten Kinder mit »Infektneigung« sind gesund. Im späten Kindergartenalter klingen die häufigen Infekte von selber ab. Alles, was Sie hier tun können, ist, den Kindern einen gesunden Rahmen zu bieten: gesunde Ernährung, Auslauf, genügend Schlaf und na­türlich Freude am Leben. Gesundheitlicher Unsinn wie Zigarettenrauchen sollte Geschichte werden.
Abhärtungsmethoden wie Kneipp-Güsse oder Wechselduschen können unterstützend wirken, Regengüsse oder Spielen im Freien sind sicherlich spannender und mindestens genauso gut.

Vorbeugung gegen Ansteckung

Ansteckungen können oft nicht verhindert werden. Kreist ein Infekt durchs Haus, so kann durch Händewaschen die eine oder andere Ansteckung umgangen werden. Auch pflanzliche Mittel lassen sich bei drohender Ansteckung einsetzen:

  • Quendel, eine bei uns wild wachsende Thymianart, kann als Tee getrunken werden: Einen Teelöffel des getrockneten Krauts mit einer Tasse kochendem Wasser übergießen, zehn Minuten ziehen lassen.
  • Bei älteren Kindern kann die Abwehr durch rohes Sauerkraut oder auch Sauer­krautsaft gesteigert werden. Die darin enthaltenen Laktobazillen regulieren die Darmflora und unterstützen so das Immunsystem. Zudem enthält Sauer­kraut größere Mengen an Vitamin C. Eine solche »Kur« kann z. B. regelmäßig zu Winterbeginn (1-mal am Tag) eingeleitet werden.
  • Weizengras wirkt ebenfalls immunstimulierend: Weizenkörner in Blumentöpfe aussähen und ansprossen lassen. Wenn das Weizengras etwa 10 cm hoch ist, einen kleinen Büschel abschneiden und auskauen (der faserige Rest wird ausgespuckt).
Infektionsneigung. Genaues Beschwerdebild Was sich am ehesten dahinter verbirgt Erste Maßnahmen

Infekte »alle Monat«

  • Bei »neuen« Krippen- oder Kindergartenkindern oder Kleinkindern mit solchen ­Geschwistern
  • Ansonsten keine Beschwerden, gutes Gedeihen
Zwar für Kind und Eltern anstrengende, aber normale »Lernphase« des Immun­systems Keine Sofortmaßnahmen nötig. Sind Kinder erstmals in Gesellschaft vieler Gleichaltriger, kommen sie zwangsläufig mit vielen ihnen noch unbekannten Krankheitserregern in Kontakt. Diese Auseinandersetzung läuft nicht immer ohne Beschwerden ab

Gehäufte Infektionen

  • Langwierige, ungewöhn­liche Verläufe
  • Ungewöhnliche Erreger wie z. B. Pilze
  • Möglicherweise mit schlechtem Gedeihen
  • Möglicherweise begleitende Autoimmunerkrankungen oder Blutkrankheiten
  • Möglicherweise sind auch andere Familienmitglieder betroffen
Abwehrschwäche unter­schiedlichster Ursache, z. B. angeborene Abwehr­schwäche, Mangel­er­näh­rung, HIV, Leukämie Zwecks Abklärung zum Kinder­arzt gehen. Er wird Ihr Kind gründlich ­untersuchen und bei entsprechendem Verdacht eine weiterführende Diag­nostik einleiten

Gehäufte Infektionen

  • An immer derselben Stelle
  • Manchmal mit schlechtem Gedeihen
  • Oft zusätzliche, immer wiederkehrende Beschwerden
Lokalisierte Störung, z. B.
Refluxkrankheit mit Aspiration, Polypen, Asthma,
Muko­viszidose,
Fehlbildungen der Harnwege (z. B. vesikoureteraler Reflux, sehr selten auch abnorme
Verbindung zwischen Speiseröhre und Bronchien (Fistel), Muskelschwäche, Herzfehler
Zwecks Abklärung zum Kinderarzt gehen. Je nach Beschwerdebild und Untersuchungsbefund wird er evtl. weitere Untersuchungen einleiten
Aktualisiert ( Mittwoch, den 26. August 2009 um 15:30 Uhr )

© Herbert Renz-Polster et. al.: Gesundheit für Kinder, 2. Auflage 2006, Kösel Verlag München