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Gelenk-, Glieder- und Rückenschmerzen

Geschrieben von: Dr. med. Herbert Renz-Polster, Dr. med. Nicole Menche, Dr. med. Arne Schäffler
Montag, den 20. Juli 2009 um 15:45 Uhr

Auch bei Kindern kann es in den Knochen oder Gelenken immer einmal wieder zwicken und zwacken, ohne dass dies gleich krank­haft sein muss. Vor allem die so genannten Wachstumsschmerzen (= gutartige kindliche Gliederschmerzen) können manche Kinder erheblich plagen. Dabei handelt es sich um immer wiederkehrende, vor allem nach­mit­tags, abends oder nachts auftretende dumpfe bis brennende Schmerzen, typischerweise in den Muskeln der Beine, also außerhalb der Gelenke (Waden, Schienbeine, aber auch in den Füßen). Wachstums­schmerzen treten zwischen dem 4. und 16. Lebensjahr auf, oft an Tagen mit intensiver kör­per­licher Belastung. Ihre Ursache ist unbekannt.
Wachstumsschmerzen sind harmlos, sie können aber so stark sein, dass Ihr Kind weint oder nicht einschlafen kann. Sie ver­schwin­den nach wenigen Minuten bis einer Stunde von selber, können aber einige Tage lang wiederkehren. Zum Kinderarzt gehen sollten Sie immer dann, wenn die Schmerzen länger als eine Woche lang wiederkehren, immer auf der gleichen Seite sind, auch morgens auftreten, gleichzeitig Fieber oder Knochen- bzw. Gelenkschwellungen bestehen oder Ihr Kind die Beine nicht richtig bewegen kann. Zur Selbsthilfe bei Wachstumsschmerzen siehe unten.

Was tun bei Gelenk-, Glieder- und Rückenschmerzen?


Die Maßnahmen richten sich nach der Ursache. Bei Wachstumsschmerzen hilft Folgendes:

  • Massieren Sie die schmerzenden Beine sanft von unten nach oben. Die Verwendung von Franzbranntwein oder Calendula-Tinktur (siehe Heilkräutertabelle) wirkt zusätzlich kühlend und schmerzlindernd.
  • Auch kalte Umschläge (siehe Wasser, Wärme, Kälte), eventuell mit ein paar Spritzern Obstessig oder Zitronensaft, können Linderung bringen, besonders bei Gelenkentzündungen.
  • Anderen Kindern tut Wärme gut (siehe Wasser, Wärme, Kälte), z. B. durch warmes Einpacken der Beine, das Auflegen von Wärmekissen oder durch durchblutungsfördernde Salben.
Gelenk-, Glieder- und Rückenschmerzen. Genaues Beschwerdebild Was sich am ehesten dahinter verbirgt Erste Maßnahmen

Leichte bis mäßige Gelenk- und Glieder­schmerzen »überall«

  • Allgemeines Unwohlsein
  • Möglicherweise Fieber
Infektionskrankheit, meist durch Viren, z. B. echte Grippe Viele vor allem virale Infektionskrankheiten können zu flüchtigen Glieder- und Gelenkschmerzen führen. Kind auf weitere Krankheitszeichen beobachten. Ansons­ten nach drei Tagen zum Kinderarzt gehen
Gelenkschmerzen nach kurz zuvor durchgemachter Infektion (oft Magen-Darm-Infektion) Immunologisch be­dingte Gelenkentzündung als Reaktion auf die Infektion (sog. ­reaktive Arthritis) Zum Kinderarzt gehen

(Wiederholte) Gliederschmerzen 

  • »Tief« in den Beinen (nicht im Gelenk), beidseits oder Seiten wechselnd
  • Kinder zwischen 4 und 16 Jahren
  • Vor allem abends und nachts, Dauer bis zu ca. einer Stunde, oft nach viel Bewegung am Tag zuvor
  • Am nächsten Morgen keinerlei Beschwerden mehr   
Sog. Wachstumsschmerzen.
Ursache unklar (ungleiches Wachstum von Knochen, Muskeln und Nerven?)
Kind beruhigen, Bein massieren oder Wärme anwenden, Schmerzen ansons­ten aber nicht »hochspielen«. Zum Kinderarzt gehen, wenn die Schmerzen immer auf der gleichen Seite oder immer bei Anstrengung auftreten oder zusätzliche Beschwerden wie etwa Bewegungseinschränkung, Hinken oder Fieber bestehen – dann könnte eine Er­krankung dahinter stecken (siehe Text unten)
Gelenkschmerzen mit Hautausschlag   Wenn Sie wissen, dass Ihr Kind Ringelröteln hat, brauchen Sie nicht wegen der Gelenkschmerzen zum Arzt zu gehen, sie verschwinden von selbst wieder. Ansonsten am gleichen Tag (möglichst schnell) zum Kinderarzt gehen, Kind bis dahin ruhen ­lassen
  • Hautausschlag girlandenförmig, Schmerzen vor allem an kleinen Gelenken, meist kein Fieber
  • Dunkelrote Flecken (= Hautblutungen) vor allem an Po und Rückseiten der Beine, Schmerzen vor allem der Fußgelenke
  • Hautausschlag kleinfleckig und flüchtig, hohes Fieber, Gelenkschmerzen erst später
  • Schmetterlingsförmige Rötung des Gesichts, Fieber
  • Hautausschlag girlandenförmig, am Rumpf ­beginnend, Fieber, Unwohlsein, Schmerzen an wechselnden Gelenken, möglicherweise vorher Streptokokkeninfektion
Gelenk- oder Knochenschmerzen mit Fieber   Sofort zum Kinderarzt gehen, Kind bis dahin ruhen lassen
  • Schwellung und Rötung eines Gelenks oder Knochenabschnittes, Bewegungseinschränkung
  • Gelenkschmerzen von einem Gelenk zu anderen »springend«, oft Haut­aus­schlag (→ oben)

Gelenk- oder Knochenschmerzen ohne Fieber

  • Vorausgegangener Sturz oder Verletzung
  • Schmerzen bei Bewegungen
  • Eine Stelle des Knochens ist druckschmerzhaft und eventuell geschwollen
Knochenbruch Sofort zum Kinderarzt gehen, den betroffenen Körperteil bis dahin ruhen lassen

Gelenkschmerzen

  • Mehrere Gelenke (große oft asymmetrisch, kleine oft symmetrisch betroffen)
  • Morgens steife Gelenke
Juvenile rheumatoide Arthritis (= kindliches Rheuma) Bei Kindern können beim »Rheuma« ganz andere Gelenke betroffen sein als beim Erwachsenen. Länger anhaltende Gelenkschmerzen, vor allem mit morgendlichen Anlaufschwierigkeiten, deshalb immer vom Kinderarzt abklären lassen

Gelenkschmerzen

  • Länger dauernde Durchfälle
Gelenkbeteiligung bei chronischer Darmentzündung (Colitis ulcerosa, Morbus Crohn), selten als Immunreaktion bei bestimmten Durchfallserkrankungen (z. B. Salmonellen) Für die nächsten Tage Termin beim Kinderarzt ausmachen – primär muss die Darmentzündung behandelt werden

Gelenkschmerzen

  • Wochen bis Monate nach einem Zeckenbiss
Borreliose Für die nächsten Tage Termin beim Kinderarzt ausmachen, da bei einer Borreliose Antibiotika gegeben werden müssen

Gelenk- oder Knochenschmerzen

  • Müdigkeit, Abgeschlagenheit
  • Möglicherweise Blässe, Gewichtsabnahme
Verschiedene teils erns­te
Erkrankungen, z. B. Leukämie, Knochentumoren
In den nächsten Tagen zwecks Abklärung zum Kinderarzt gehen, wenn sich Ihr Kind über längere Zeit nicht richtig wohl fühlt und über uncharakteristische Gelenk- und Knochenschmerzen klagt
Rückenschmerzen Verschiedenste Ursachen, z. B. Verspannung, unbemerkte Verletzung, rheumatische Erkran­kung, bakterielle Wirbel­entzündung, Wirbelgleiten Bei mutmaßlichen Muskelverspannungen versuchen, ob das Kind Wärme als angenehm empfindet. Bei länger anhaltenden Beschwerden oder sichtbarem »Buckel« Termin beim Kinderarzt ausmachen, bei zunehmenden Schmerzen oder Schmerzen bei Druck auf eine Stelle der Wirbelsäule am gleichen Tag zum Arzt gehen, bei Lähmungen oder Blasen-Darm-Störungen sofort
Einseitige Hüft- oder Knieschmerzen   Harmlose und ernstere Erkrankungen machen oft ganz ähnliche Beschwerden, daher am nächsten Tag zum Kinderarzt gehen, wenn ein Kind länger als 1–2 Tage hinkt, bei heftigen Schmerzen am gleichen Tag, bei Belastungsunfähigkeit des Beins (Kind knickt förmlich ein) sofort
  • Hinken, kein Fieber, Kinder­garten- oder Grundschulkind
  • Hinken, kein Fieber, Jugend­licher in der Pubertät

Einseitige Armschmerzen

  • Nach heftigem Zug am Arm (Kind wurde beim Gehen am Arm »hinterhergezogen« oder beim Stolpern festgehalten)
  • Arm hängt und wird geschont
Speichenköpfchensubluxation, nicht ganz korrekt auch als eine Form der Ellenbogen­verrenkung bezeichnet Sofort zum Kinderarzt gehen. Oft kann er das Speichenköpfchen durch einfache Maßnahmen wieder in seine normale Stellung zurückbringen, bei atypischem Hergang kann eine Röntgenuntersuchung erforderlich sein

Gelenk-, Glieder- oder Rückenschmerzen

  • Nach einer Verletzung
Prellung, Zerrung, Verstauchung, Verrenkung, Knochenbruch Bei sichtbaren Knochen- oder Gelenkfehlstellungen oder stärkeren Rückenschmerzen sofort zum Arzt gehen. Grundregel ansonsten: Ruhigstellen, hoch lagern, kühlen, komprimieren (Druck ausüben). Bei anhaltenden Beschwerden oder Beweglichkeitseinschränkung zum Kinderarzt gehen
Aktualisiert ( Mittwoch, den 26. August 2009 um 15:05 Uhr )

© Herbert Renz-Polster et. al.: Gesundheit für Kinder, 2. Auflage 2006, Kösel Verlag München