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Atemnot

Geschrieben von: Dr. med. Herbert Renz-Polster, Dr. med. Nicole Menche, Dr. med. Arne Schäffler
Montag, den 06. Juli 2009 um 12:37 Uhr

Normalerweise atmet man unbewusst und nach außen nur wenig sichtbar. Letzteres gilt nicht unbedingt für Babys und kleine Kinder, die fast ausschließlich mit dem Zwerchfell atmen – dadurch wölbt sich ihr Bauch mit jedem Atemzug nach außen.
Ein Kind mit Atemnot dagegen empfindet die Atmung als beschwerlich, es »muss arbeiten«, um genug Luft zu bekommen. Dies ist auch nach außen zu sehen (siehe Kasten unten).
Als Faustregel kann gelten, dass eine Atemnot umso schwerer ist, je stärker sie das Interesse des Kindes an der Welt vermindert (Spielen, Trinken, mit den Eltern kommunizieren). Warnzeichen sind Eintrübung des Bewusstseins (Teilnahmslosigkeit), starke Un­ruhe oder bläuliche Verfärbung der Lippen oder der Haut.
 

Zeichen der Atemnot

Dass Ihr Kind Atemnot hat, erkennen Sie daran:

  • Dass es rasch atmet. Normal sind bei Neu­ge­borenen 40–45, bei Klein­kin­dern 20‑30 und bei Schulkindern und Ju­gend­li­chen 20–25 Atemzüge pro Minute (jeweils bei körperlicher Ruhe).
  • Dass es beim Beginn der Ausatmung stöhnt oder »anstößt«. Vor allem bei Babys und Kleinkindern hört sich dies an wie ein angestrengtes »Grunzen« (nicht zu verwechseln mit dem wohligen, nicht angestrengten Schnorcheln, das immer wieder bei Säuglingen zu hören ist).
  • Dass sich die Nasenflügel bei jedem Atemzug mitbewegen (»Nasenflügeln«).
  • Dass sich die Haut unter dem unteren Rand des Brustkorbs, zwischen den Rippen oder die Grübchen über den Schlüsselbeinen mit der Einatmung einziehen.
  • Dass die Haut sich blass oder bläulich verfärbt und das Kind sehr unruhig oder teilnahmslos wird.
  • Vor allem bei Säuglingen: Dass es einfach nicht zur Ruhe kommen kann, d. h. extrem unruhig ist, viel weint, schlecht oder gar nicht trinkt.
  • Bei älteren Kindern: Dass es atemerleichternde Stellungen einnimmt wie etwa den »Kutschersitz« (vornübergebeugtes Sitzen mit aufgestützten Armen)
Atemnot. Genaues Beschwerdebild Was sich am ehesten dahinter verbirgt Erste Maßnahmen
Atemnot mit hohem Fieber
  • Meist Klein- oder Kindergartenkind
  • Schlechter Allgemeinzustand
  • Kloßige Sprache, Speichelfluss aus dem Mund
  • Halsschmerzen, Schluckbeschwerden
  • Pfeifend-röchelnde Atmung
Epiglottitis (= Kehldeckelentzündung), praktisch nur bei nicht gegen Hib (Haemophilus influenzae Serotyp b) geimpften Kindern Notarzt rufen. Kind beruhigen und Wunschhaltung einnehmen lassen. Nicht in den Hals schauen, nichts zu trinken geben, da dies eine weitere Verschlechterung auslösen kann
Atemnot mit Fieber
  • »Erkältungszeichen« mit Husten seit mehreren Tagen
  • Atemnot durch Hustenanfall mit
  • »abgehacktem« Husten ausgelöst, danach evtl. Herauswürgen von Schleim oder ­Erbrechen
  • Möglicherweise Trinkschwäche
Keuchhusten, Bronchiolitis, Bronchitis durch Adeno-Viren Kind beruhigen, meist gehen Hus­tenanfall und Atemnot von selbst vorbei. Dann am gleichen oder (bei nächtlichem Auftreten) am nächs­ten Tag zum Kinderarzt gehen. Bei schwerer Atemnot ­Notarzt rufen
Über Stunden bis Tage zunehmende Atemnot mit Fieber
  • Meist Husten
  • Oft seit Tagen fieberhafter Infekt der ­oberen Lufwege
  • Möglicherweise Brustschmerzen beim Husten
Lungentzündung, in die Bronchien »verschluckter« Fremdkörper Noch am gleichen Tag zum ­Kinderarzt gehen
Atemnot mit oder ohne Fieber
  • Hörbares Pfeifen oder »Brodeln« bei der Ausatmung (Giemen), Ausatmung verlängert
  • Meist (Reiz-)Husten
  • Begleitende Erkältung
  • Möglicherweise bereits ähnliche Episoden vorangegangen
Obstruktive Bronchitis, Bronchiolitis,
infektbedingter
Asthmaanfall
Kind beruhigen, aufrecht und leicht vornübergebeugt sitzen
und Arme aufstützen lassen. Bei fremdem Kind schauen, ob es ­Medikamente bei sich hat (meist Spray). Bei Besserung innerhalb weniger Minuten noch am gleichen Tag zum Kinderarzt gehen, bei ­ausbleibender Besserung Notarzt rufen

Plötzliche Atemnot, geringes oder kein Fieber

  • Meist Klein- oder Kindergartenkind
  • Vorbestehende »Erkältung«
  • Meist nachts
  • Trockener, »bellender« Hus­ten, Heiserkeit
  • Häufig Pfeifen beim Einatmen (Stridor)
Pseudokrupp-Anfall Kind beruhigen, in eine Decke hüllen und an ein geöffnetes Fens-
ter oder raus an die frische Luft gehen. Alternativ warme, feuchte Luft (im warmen Bad Dusche anstellen). Ein paar Schlucke Wasser zu trinken geben (Zimmertemperatur). Bei Beschwerdebesserung Kind wieder schlafen le­gen und
am nächsten Tag zum Kinderarzt gehen, bei Erfolglosigkeit der Maßnahmen Notarzt rufen

Atemnot ohne Fieber

  • Hörbares Pfeifen (Giemen) oder »Brodeln« bei der Ausatmung, Ausatmung ­verlängert
  • Meist (Reiz-)Husten
  • Meist immer wieder auftretend
Asthmaanfall,
Refluxkrankheit,
Funktionsstörung der Stimmbänder, in die Bronchien »verschlu­ckter« Fremdkörper
Kind beruhigen, aufrecht und leicht vornübergebeugt sitzen
und Arme aufstützen lassen. Bei fremdem Kind schauen, ob es ­Medikamente bei sich hat (meist Spray). Bei Besserung innerhalb weniger Minuten noch am gleichen Tag zum Kinderarzt gehen, bei ausbleibender Besserung Notarzt rufen
Plötzliche Atemnot ohne Fieber
  • Meist Kleinkind
  • Meist plötzlicher Hustenreiz
  • Möglicherweise pfeifendes Atemgeräusch
Fremdkörper in den Luftwegen Notarzt rufen. Bis zu dessen Eintreffen bei leichter bis mäßiger Atemnot Kind beruhigen und Wunschposition einnehmen lassen. Bei hochgradiger Atemnot Kind vornüber beugen lassen, dann mit der flachen Hand zwischen die Schulterblätter schlagen, um Hustenstöße auszulösen. Bei bewusstlosem Kind Mund öffnen, nach sichtbaren Fremdkörpern schauen und vorsichtig entfernen. Bei Atemstillstand Atemspende durchführen
Plötzliche Atemnot ohne Fieber
  • Meist nach Insektenstich oder Essen
  • Hautrötung, Hautschwellung, Juckreiz
  • Kreislaufbeschwerden
Allergie (Schwerstform: allergischer = anaphylaktischer Schock) Notarzt rufen – es droht ein Herz- und Atemstillstand. Bei fremdem Kind schauen, ob es ein Notfallset mit Medikamenten bei sich hat. Kreislauf und ­Atmung weiter beobachten, bei Atem- oder Kreislaufstillstand Wiederbelebung durchführen
Plötzliche Atemnot ohne Fieber
  • Meist ältere Kinder
  • Möglicherweise nach Schreck oder Aufregung
  • Sehr schnelles, oft tiefes Atmen
  • Kribbeln um den Mund und an den Händen
Hyperventilation, meist seelisch bedingt, selten organisch Kind beruhigen, zu langsamem Atmen anhalten. Falls erfolglos und kein Pfeifen beim Atmen hörbar, kleine Plas­tiktüte vor Mund und Nase des Kindes halten, so dass es seine eigene Luft zurück­atmet. Falls erfolglos oder Pfeifen bei der (Aus-)Atmung hörbar, Notarzt rufen (möglicherweise handelt es sich um einen atypischen Asthmaanfall oder Fremdkörper in den Atemwegen)
Atemnot nach einer Verletzung Rippenbruch, Pneumothorax (= Luftansammlung im Brustkorb mit »Zusammenschnurren« der Lunge) Von außen sichtbare Wunden steril abdecken, Fremdkörper nicht entfernen. Bei leichter Atemnot ins nächste Krankenhaus fahren, bei schwerer Atemnot oder zusätz­lichen Kreislaufproblemen Notarzt rufen

Wodurch Atemnot entsteht

Atemnot entsteht zum einen durch Verengungen der Atemwege – dadurch können sie nicht mehr genug Luft transportieren. Häufig sind Atemgeräusche zu hören. Typische Erkrankungen mit eingeengten Luftwegen sind beispielsweise der Pseudokrupp oder das Asthma.
Zum zweiten können Veränderungen der Lunge selbst zur Atemnot führen, da nun der Sauerstoff in den Lungenbläschen nicht mehr ausreichend ins Blut aufgenommen wird. Typisches Beispiel hierfür ist die Lun­gen­entzündung.
Aber auch Krankheiten außerhalb der At­mungsorgane führen manchmal zu Atemnot, etwa eine Herzschwäche.
Von der Atemnot abzugrenzen ist die zu rasche Atmung (= Tachypnoe). Die Kinder atmen also öfter als normal (wie rasch ein Kind normalerweise atmet, siehe Zeichen der Atemnot), aber im Gegensatz zu Kindern mit Atemnot nicht härter oder angestrengter. Bei dieser raschen Atmung ohne gleichzeitige Atemnot ist vor allem an Fieber, Schmerzen oder Angstzustände zu denken. Seltener liegen Herzerkrankungen (etwa Herzrhythmusstörungen, Herzschwä­che oder eine Herzentzündung, siehe Erkrankungen von Herz und Kreislauf), Störungen des Gehirns (z. B. Sonnenstich, Gehirnentzündungen), Vergiftungen oder eine Blutarmut zugrunde.
In der Regel ist bei der raschen Atmung auch der Puls schneller als normal.

Was tun bei Atemnot?

Selbst Ärzten fällt es manchmal schwer einzuschätzen, wie bedroht ein Kind mit Atemnot eigentlich ist. Denn während sich manche Fälle unter recht dramatisch erscheinen­den Vorzeichen abspielen (das Kind hustet stark, oder die Atmung »pfeift«), sind andere Kinder ganz still.

Als Grundregel kann gelten, dass die Atemnot dann besonders gefährlich ist, wenn das Kind »nicht es selbst« ist, also wenn es nicht mehr reden kann oder will, schläfrig wird oder sich seine Haut blass oder blau ver­färbt. Spätestens jetzt müssen Sie den Notarzt rufen.
Und in jedem Fall: 

  • Beruhigen Sie Ihr Kind, bleiben Sie nahe bei ihm.
  • Sorgen Sie für frische Luft.
  • Lassen Sie Ihr Kind die Haltung einnehmen, die es will.
  • Sind Notfallmedikamente verfügbar (z. B. bei einem Kind mit bekanntem Asthma), so geben Sie diese.

 

Aktualisiert ( Mittwoch, den 26. August 2009 um 14:23 Uhr )

© Herbert Renz-Polster et. al.: Gesundheit für Kinder, 2. Auflage 2006, Kösel Verlag München